Samstag, 11. Februar 2012 10:21 Uhr
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Wiesbadener Kurier

Rhein-Main 

Wiesbaden: Wasserschaden am Finanzministerium noch nicht behoben

07.11.2009 - WIESBADEN

Von Wolfgang Degen

“Der Wasseraustritt ist in einer Weise erfolgt, die für alle Fachleute überraschend ist", schildert Georg Mittelbach vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie. Mittelbach spricht von einem “nicht kalkulierbaren Ereignis". Er meint die Mengen an Wasser, die seit Donnerstagabend auf dem Gelände des Finanzministeriums an der Friedrich-Ebert-Allee an die Oberfläche strömen. Erst als Fontäne, dann blubbernd: Anfänglich geschätzte 360 Kubikmeter pro Stunde seit Donnerstagabend. Am frühen Freitagabend seien noch immer bis zu 60 Kubikmeter Wasser pro Stunde ausgetreten, so die Schätzung.

Auslöser ist eine Geothermie-Probebohrung: Das Finanzministerium plant auf dem Gelände einen Anbau, und der soll energetisch vorbildlich und kostensparend in Passivbauweise errichtet werden. Die Erdwärme soll dafür angezapft und mit Wärmepumpen genutzt werden.

Am Mittwochnachmittag beginnt die unter Auflagen genehmigte Bohrung. Dann, in rund 130 Metern, wird eine wasserundurchlässige Schicht durchstoßen. Ein artesischer Brunnen tut sich auf. Das unter hohem Druck stehende Wasser hat nun ein Ventil. Die Bohrspezialisten der Fuldaer Firma Terra Therm versuchen zunächst mit eigenem Dichtmaterial dem Wasser beizukommen, vergeblich. Um 19.23 Uhr löst die Berufsfeuerwehr Alarm aus. “Bei Bohrungen in Wiesbaden, die wir bereits zuvor durchgeführt haben, ist dieses Problem nicht aufgetreten", sagt Jürgen Winter, Geschäftsführer der Bohrfirma. Pro Jahr führt Terra Therm rund 180 Bohrungen durch.

"Kein vergleichbares Ereignis in den letzten 30 bis 50 Jahren"

Die Dimension des Wasseraustritts sei für die Region “schon herausragend", kommentiert Ingo Sass von der Technischen Universität Darmstadt. Sass ist Experte auf dem Gebiet der Tiefengeothermie. Ihm sei aus der Region kein vergleichbares Ereignis aus den letzten 30 bis 50 Jahren bekannt, so Sass.

Bis zum späten Freitagabend ist es nicht gelungen, den Wasserfluss zu stoppen. Was nach oben kommt, ist graue Brühe, weil rund 56 Kubikmeter Beton zum Abdichten reingepumpt werden. Plan A, und fehlgeschlagen: Die Kraft der Natur, die von unten drückt, ist stärker. Der Betonschlamm entwickelt sich zeitweise zu einer bedrohlichen Situation für die Kläranlage, denn der Beton ist hoch angereichert mit Zement. Es wird ein Bypass installiert, um die Lösung an der Kläranlage vorbeizuschleusen. Über den Salzbachkanal wird das hochbasische Gemisch direkt in den Rhein geleitet. Eine reinigende Wasserkaskade ist aufgebaut, damit sich Schwebeteilchen absetzen können.

Kein Mensch vermag zu sagen, wie wie lange Wasser nach oben kommt.

Das sei “nicht abschätzbar", sagt Mittelbach. Er spricht von Wasserandrang, von “Zuströmung" von den Hängen. Es sei keine Blase, von der man wisse, dass sie irgendwann leer sein wird. Das nach oben strömende Wasser hat Folgen: “Im Untergrund wird viel Material bewegt", sagt Sass, weswegen die Standsicherheit der Gebäude besonderes Augenmerk verdient.

Spezialgerät wird im Laufe des Tages geordert, die Bohrung soll tiefer geführt werden, für einen weiteren Abdichtversuch. Nun soll ein Pfropfen direkt an der Quelle gesetzt werden, wie Michael Scheerer, der Pressesprecher des Finanzministeriums ankündigt.

Chance und Risiken

Als Erdwärme wird die unterhalb der Oberfläche der festen Erde vorhandene Wärmeenergie bezeichnet. Auch Hessen verzeichnet einen Boom bei der Nutzung dieser alternativen Energieform, nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie (HLUG) werden jährlich über 1.000 Anlagen zur Erdwärmenutzung errichtet.Diese Nutzungen sind regelmäßig mit einem Eingriff in das Grundwasser verbunden. (Alle Angaben HLUG).

Im südbadischen Staufen hat sich die Nutzung zu einem Desaster entwickelt: Risse und Setzschäden mit noch nicht absehbarem Ende. Die Bohrung am Finanzministerium sollte Bodenbeschaffenheit und Wärmeleitfähigkeit überprüfen. Sie ist bis zu einer Tiefe von 150 Metern genehmigt. “Im Bereich des Bauvorhabens können unterschiedliche Grundwasserstockwerke angetroffen werden", so das HLUG vorab. Die Bohrstelle liegt in der Schutzzone C der Heilquellen, daraus, und aus der hydrogeologischen Situation, “ergeben sich erhöhte Anforderungen". Zu den Auflagen zählt auch die Betreuung durch das Baugrundinstitut Franke-Meißner und Partner GmbH aus Delkenheim. “Es ist notwendig, dass ein Mitarbeiter ständig vor Ort ist".


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