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Wiesbadener Kurier

Rhein-Main 

Fledermäuse von der Stange gepflückt

27.12.2006 - FRANKFURT

Von Christian Ebner

Inventur im Zoo: Das Zählen der Tiere ist eine aufwändige Angelegenheit

FRANKFURT Kaum zu glauben: Nicht nur in Kaufhäusern und Warenlagern wird am Jahresende gerne Inventur gemacht, sondern auch im Frankfurter Zoo.

Mit Tigern, Nashörnern oder Menschenaffen müssen sich die Zähler im Frankfurter Zoo nicht lange aufhalten. "Da wissen wir natürlich, wie viele wir haben", sagt Zoodirektor Christian Schmidt zum Auftakt der Inventur zum Jahreswechsel. Die eigentlichen Schwierigkeiten bei der vorgeschriebenen Inventur-Zählung in einem Zoo wie dem Frankfurter machen einzelne Tierarten, die sonst nicht unbedingt im Blickpunkt des Interesses stehen. Während ein Bienenvolk nur als ein Posten gezählt wird, machen zum Beispiel die kleinen südamerikanischen Fledermäuse von der Art der Brillenblattnasen eine ganze Menge Arbeit: Fünf Tierpfleger stehen in dem mit Felsen verkleideten Raum des Grzimek-Hauses und klatschen laut in die Hände. Weil sie vorher auch noch das Licht angemacht haben, suchen die nachtaktiven Flieger das Dunkel ihrer gewohnten Schlafhöhle. Ein Tier nach dem anderen wird von der Stange "gepflückt", auf sein Geschlecht untersucht und auf einer Liste eingetragen. Die Pfleger tragen bei der stundenlangen Zählung derbe Arbeitshandschuhe, denn die Zähne der Flattermänner mit dem charakteristischen Blatt auf der Nase sind spitz und scharf. Die Schätzungen bei der Zoo-internen Wette zur Fledermaus-Zahl liegen in diesem Jahr zwischen 603 und 765. Die kleinen, Pflanzen fressenden Fledermäuse sind bei Zoos in der ganzen Welt begehrt, Frankfurt hat über 1300 Tiere zur weiteren Zucht an 20 Einrichtungen abgegeben. Sinnvoll sei die Ansiedlung von mindestens 100 Stück, die leicht eine eigene Kolonie aufbauen könnten, sagt Schmidt. Die Frankfurter Brillenblattnasen-Gruppe stammt zum Teil noch aus dem brasilianischen Dschungel, von wo sie 1977/78 nach Frankfurt geliefert wurde und sich seitdem fleißig vermehrt hat. Auch in der Freiflughalle des Vogelhauses wissen die Zoologen nur so ungefähr, was dort alles so kreucht und fleucht. Von der asiatischen Sperlingsart Rotohr-Bülbül müssten es so etwa 30 Stück sein, schätzt Vogel-Kurator Stefan Stadler. Die Tiere sind wie die Fledermäuse nicht beringt, über einzelne Schicksale kann daher kaum Auskunft gegeben werden. In dem dichten Dschungelgebüsch haben die kleinen Vögel ihre Nester so gut versteckt, dass selbst die erfahrenen Tierpfleger sie kaum entdecken können. "Wir bekommen es mit, wenn die Alttiere Nestmaterial oder Futter heranschleppen", sagt Stadler. Eine genaue Zahl seiner Bülbül wird er auch nach der Inventur nicht kennen. Auch bei anderen Kleintieren wie Heuschrecken oder Käfern geben sich die Biologen notgedrungen mit ungefähren Schätzungen zufrieden. Schildkröten freigelassenNicht mitgezählt werden die Tiere in der Freianlage mit See, in der sich öfter auch mal zoofremde Artgenossen niederlassen oder Bürger ihren Schildkröten die Freiheit schenken. Ausbrüche oder Diebstähle einzelner Tiere habe es im vergangenen Jahr nicht gegeben und auch über Geburten und Todesfälle wird über das Jahr akribisch Buch geführt. 4795 Tiere in 563 Arten standen zu Jahresbeginn in den Büchern. Damit gehört der Frankfurter Zoo zu den acht arten- und tierreichsten in Deutschland. Die Ergebnisse der Inventur stehen Anfang Februar fest. Die Zählerei dient ausdrücklich nicht der Buchhaltung, wie Direktor Schmidt versichert. Haushaltstechnisch sei der gesamte Tierbestand mit einem Euro bewertet, daran habe auch die neue, produktorientierte Buchhaltung im Frankfurter Stadtetat nichts geändert. Natürlich hätten seltene Tiere ihren Wert, der aber für die Zoos nicht relevant sei, sagt Schmidt. Die wissenschaftlichen Zoos haben ein weltweites Tauschsystem etabliert, das in erster Linie dem Erhalt der Arten dienen soll. Die Waldgiraffe Okapi könnte für einen privaten Zoo sicherlich eine Million Euro wert sein, doch seien sie nicht erhältlich. "Okapis bekommt man gratis oder gar nicht."


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