Von Jorg Hamm
Globus plant in Mainz Filiale auf der grünen Wiese / Bäcker, Metzger und Politiker in Aufruhr
MAINZ Der Kannibalismus im Einzelhandel geht weiter. Der Großmarkt-Multi Globus plant am Ortsrand des Mainzer Stadtteils Hechtsheim eine Filiale mit einer Verkaufsfläche von 11000 Quadratmetern. Einzelhändler und Metzger der umliegenden Orte sind empört.
Wenn es um die Ansiedlung von Lebensmittel-Filialen in den umliegenden Kommunen geht, ist die Haltung der Mainzer Stadtregierung deutlich: Unter allen Umständen verhindern. Als in Ober-Olm ein privater Investor drei Supermärkte errichten wollte, ging die Stadt Mainz juristisch mit allen Mitteln dagegen vor. Unter der Ansiedlung der Märkte würde der Einzelhandel in den benachbarten Mainzer Stadtteilen erheblich leiden, lautete die Argumentation. Die Aktion hatte Erfolg. Das Konzept für Ober-Olm musste deutlich reduziert werden. Geht´s ums eigene Stadtgebiet, fahren die Stadtoberen eine ganz andere Strategie. Obwohl ein sogenanntes Zentrenkonzept die Stadtteile ausdrücklich vor Großhandel-Multis schützt, soll jetzt am Ortsrand von Hechtsheim eine Filiale von "Globus" entstehen, mit einer Verkaufsfläche von 11000 Quadratmetern. Dort werden Lebensmittel und Textilien verkauft. Damit nicht genug. Hinzu kommen ein Getränkecenter (1000 Quadratmeter), ein Restaurant, eine Ladenzeile für Dienstleister (Apotheke, Optiker) und weitere 500 Quadratmeter für Einzelhandel (Zeitschriften, Blumen, Feinkost). Auch von einem Möbelhaus direkt nebenan ist die Rede. Während der Antrag von Globus offiziell noch geprüft wird, schafft das Unternehmen längst Fakten. So sagt Thomas Siemer, Abteilungsleiter Standortentwicklung: "Für uns steht das Projekt." Einzelhändler in Hechtsheim, Bretzenheim und Laubenheim sind geschockt. "Das wird ein langsames Sterben von Klein- und Mittelbetrieben nach sich ziehen", befürchtet Sigrid Lehmann, Leiterin zweier Edeka-Filialen. Der Bretzenheimer Bäcker Hans-Jürgen Nolda ergänzt: "Hier gibt es kaum noch Geschäfte. Wir haben acht Leerstände." Der Chef der Fleischer-Innung Mainz-Bingen, Klaus Heck, sieht 400 Arbeitsplätze in Gefahr und schrieb einen Brief an Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD): "Wir bitten Sie, dieser Ansiedlung nicht zuzustimmen." Auch in den Parteien des Stadtparlaments ist die Globus-Ansiedlung ein heißes Thema. Die Fraktion ÖDP/Freie Wähler fürchtet gravierende Auswirkungen auf den Einzelhandel in den Stadtteilen. "Zunächst freuen sich alle über die zusätzlichen Arbeitsplätze, das große Angebot, das billige Benzin, mit dem Globus wirbt, die Gewerbesteuereinnahmen. Aber wenn dann immer mehr kleine Geschäfte schließen müssen und ihre Mitarbeiter entlassen, fängt das große Jammern an", warnt Fraktionsvize Herbert Egner. Matthias Rösch (Grüne) ergänzt: "Es ist ökologisch der falsche Weg, auf Einkaufsmöglichkeiten zu setzen, die primär mit dem Auto zu erreichen sind." In Frankfurt lässt sich bereits beobachten, zu was die Ansiedlung von immer neuen Märkten auf der grünen Wiese führt: Zu einem Ladensterben in den Stadtteilen. Der einst prosperierende Ortsteil Höchst ist verödet. Ähnlich sieht es in den anderen Stadtteilen aus, die um das Main-Taunus-Zentrum liegen, das sich demnächst wieder einmal vergrößern möchte. Frank Albrecht, Vorsitzender des hessischen Einzelhandelsverbandes, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Umsätze im Einzelhandel seit zehn Jahren stagnieren. Das bedeutet: Für jeden Großmarkt, der neu entsteht, machen woanders Großmärkte oder Geschäfte zu. Dieses Argument leuchtet auch in Mainz ein. So lässt der Einzelhändlerverein Citymanagement untersuchen, ob die künftigen Umsätze von Globus durch zusätzliche Kaufkraft aus der Region erzielt werden oder nur durch Umverteilung innerhalb der Stadt.

