Das Thema Figur in allen Facetten
12.10.2010 - HOFHEIM
Von Heidi Werkmann
AUSSTELLUNG „Phänomen Expressionismus“ zeigt Werke der Brücke-Künstler um Hannah Bekker vom Rath
„Ein sinnlicher Genuss, wenn Schlag für Schlag mehr Figur aus dem Stamm herauswächst“, beschrieb der Künstler Ernst Ludwig Kircher 1911 in einem Brief die Leidenschaft seines Schaffens. Die menschliche Figur war nicht nur eines der zentralen Themen der Expressionisten und vor allem der 1905 gegründeten Künstlergruppe ‚Brücke’, sondern steht auch im Fokus der Ausstellung „Brücke und Blaues Haus“, die im Rahmen des vom Kulturfond Frankfurt-Rhein-Main initiierten Kooperationsprojektes ‚Phänomen Expressionismus’ am Mittwoch um 20 Uhr im Stadtmuseum Hofheim eröffnet wird.
Refugium Blaues Haus
Da sich die Ausstellung rund um die Sammlerin und Künstlerin Hanna Bekker vom Rath rankt, die in ihrem ‚Blauen Haus’ in Hofheim seit 1920 Werke des Expressionismus in einer Sammlung vereinte und viele Künstler in ihrem Haus während des Nationalsozialismus ein Arbeitsrefugium fanden, wurde ihrem Porträt in Öl von Schmidt-Rottluff der zentrale Platz im Foyer des Museums gewidmet.
In diesem Kontext werden mehr als 40 grafische Werke der Brücke-Künstler Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluffs zu sehen sein. Ob als Einzelfigur oder als Gruppe, als Akt, als individuelles Porträt, als Ausdruck eines geistigen oder seelischen Zustandes - das Sujet der Figur nimmt im Holzschnitt der Brücke-Künstler eine Vorrangstellung ein. Von einigen Holzschnitten sind die Druckstöcke zu sehen, die in ihrer Plastizität fast noch beeindruckender wirken als die Drucke selbst. Doch nicht nur Holzschnitte, Zeichnungen und Aquarelle beleuchten das Thema der Figur in allen Facetten, sondern auch Plastiken wie die 1906 von Erich Heckel geschaffene ‚Trägerin’. „Da wird die offene und authentische Arbeitsweise besonders deutlich. Man hat nicht versucht, Ecken und Kanten zu glätten“, erläutert die Kuratorin der Ausstellung, Marian Stein-Steinfeld die besondere Fragilität der farbigen Holzskulptur.
Porträts und Köpfe
Neben den Brücke-Künstlern sind auch 40 Werke weiterer Künstler aus dem Sammlungsnachlass der Hanna Bekker vom Rath zu sehen. Skulpturen von Emy Roeder, Alexander Archipenko und Louise Stomps werden ebenso gezeigt wie Porträts und Köpfe von Ida Kerkovius, Ludwig Meidner, Hanna Bekker vom Rath, Emil Nolde oder Ernst Wilhelm Nay.
Virtueller Rundgang
Da die Expressionisten besonders empfänglich für die Öffnung der Welt der 20er Jahre waren, fand die sogenannte ‚primitive’ Kunst der Naturvölker Einzug in ihr Schaffen. Die im Rahmen der Ausstellung gezeigten ‚Negerplastiken’ lassen sich nicht nur in den Holzschnitten wiederentdecken, sondern auch in dem für die Ausstellung rekonstruierten virtuellen Rundgang durch das Blaue Haus. Durch einen blauen Metallrahmen kann man symbolisch durch eine Tür das Blaue Haus treten. Auf der großen Originalstaffelei der Künstlerin Hanna Bekker vom Rath ist ein Film zu sehen, der auf Fotografien aus den 80er Jahren basierend mithilfe modernster Technik erstellt wurde. „Wir haben bewusst auf Musik und Sprache verzichtet“, erklärt Museumsleiterin Eva Scheid. In ruhigen, fast poetischen Sequenzen zeigt der Film, wie sich Bekker vom Rath mit ihren Kunstwerken umgab und mit ihnen lebte. Ein gerahmter, etwas vergilbter Original-Artikel von 1960 aus dem Wiesbadener Kurier über das Künstlerrefugium Blaues Haus mit vielen Fotos rundet die Installation ab.

