Der Thron des Weinprinzen
24.09.2010 - HOCHHEIM
Von Joachim Atzbach
CHANSONABEND Multitalent Christoph Sauer von Angelika Kohl entdeckt / Abenteuer Hochheim
Eigentlich ist so etwas ja ganz einfach. Man nehme schöne Weine und ausgesuchte Speisen, gebe dazu einen originellen Künstler, stimme das ganze mit einem hervorragenden Ambiente ab - und fertig ist ein perfekter Abend. Doch leider gehört dazu einiges mehr, bedarf die Zutaten-Feinabstimmung, die letztendlich ausschlaggebend für den Erfolg ist, doch eines goldrichtigen Händchens. Wie eben das von Angelika Kohl, der es bei einem doch sehr überschaubaren Etat, seit Jahren immer wieder gelingt, der Volksbildungswerk-Veranstaltungsreihe „Lyrik & Wein“, neue Facetten hinzuzufügen.
Rühmann-Imitator
Hatte sich bisher die Kombination Wein und Mundart sehr bewährt, ist nun Angelika Kohl, die auch stellvertretende Vorsitzende des Volksbildungswerks (VBW) ist, mit der Einladung von Christoph Sauer, auch die Öffnung in Richtung Chanson gelungen.
Obwohl Sauer, der gebürtige Mainzer, den es seit einigen Jahren nach Berlin verschlagen hat, weit mehr ist, als ein Chansonsänger. „Ein Allroundtalent“, stellte ihn Angelika Kohl im ausverkauften Restaurant im Weinegg vor. Und dazu gehört auch das perfekte Rezitieren von Texten des Kolumnisten Axel Hacke, das gewitzte Imitieren eines Heinz Rühmann und die Kunst ein Lied von Hans Moser nicht zur billigen Karikatur verkommen zu lassen.
Sauer gilt als Gentleman unter den Chansonniers. Und als Charakterkopf. „Eine Stimme, die mal auf Samtpfoten daherkommt und dann wieder vor jungenhaftem Leichtsinn sprüht“, haben ihm die Medien bescheinigt. Die ausschließliche Beschränkung auf Lieder der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die ihn irgendwann in die künstlerische Sackgasse geführt hätte, hat er über Bord geworfen. „Schließlich stehen die nächsten 20er Jahre vor der Tür“, merkte er an. Das Hochheimer Publikum honorierte seinen Auftritt mit herzlichem Applaus.
Entdeckt hat Angelika Kohl das Multitalent, das auch in der ARD-Serie „Abenteuer 1927“ mitspielte, während eines Stipendium-Aufenthalts an der Internationalen Opernakademie Bad Schwalbach. „Eigentlich hatte ich ja gehofft, in Hochheim wäre der Thron eines Weinprinzen vakant“, erinnerte sich Sauer mit einem Schmunzeln an die erste Begegnung.
So ein Abend wäre ohne das Zutun von Weinegg-Gastronom Peter Venitz und Weinegg-Winzer Fabian Schmidt undenkbar gewesen. Venitz hatte nicht nur kurzerhand seinen gesamten Restaurantbetrieb zugunsten von „Wein & Lyrik“ umgekrempelt, sondern auch mit seiner vorzüglichen Speisekarte zu einem rundherum gelungenen Abend beigesteuert. Die Weinprobe, durch die Schmidt begleitete, stand dem in nichts nach.
Am Samstag, 16. Oktober, 18 Uhr und dem darauf folgenden Sonntag, 17 Uhr, geht „Lyrik & Wein“ in die nächste Runde. Im Weingut Schreiber an der Massenheimer Landstraße wird der reimende Rheingauer Wortakrobat Winfried Rathke, skurrile Geschichten über den Wein erzählen. Wie die Erfahrung mit Rathke im vergangenen Jahr gezeigt hat, dürften beide Abende rasch ausverkauft sein. Sputen ist also angesagt.

