"Manche Dinge haben ihren Preis"
13.03.2010 - HOCHHEIM
Von Astrid Moos-Philipp
KURIER-FORUM Main-Taunus-Kreis blickt optimistisch in die Zukunft, aber es gibt viel zu tun
"Traumregion oder Moloch?" In welche Zukunft steuert der Main-Taunus-Kreis im Jahr 2020, so lautete die Frage des Abends. Die Fachleute und viele Teilnehmer am Kurier-Forum im katholischen Vereinsheim bei der Hochheimer Kolpingfamilie beantworteten die Frage eindeutig und optimistisch: Die Menschen im Kreis werden auch in zehn Jahren noch in einer Traumregion leben. Den provokativen Szenarien, die die Kurier-Redakteure und Moderatoren Angelika Heyer und Werner Stoepler entworfen hatten, widersprachen alle.
Deutlich wurde aber auch, dass nicht nur die gute Ausgangslage im Main-Taunus-Kreis eine solche Entwicklung ermöglicht. Es werden in Bund, Land und auf der kommunalen Ebene dafür eine Menge Weichen umgestellt werden müssen.
Der Landrat des Main-Taunus-Kreises, Berthold Gall (CDU) meinte, dass die heutige Gesellschaft eine Leistung wie den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht bewältigen würde. Um in eine positive Zukunft zu steuern, müsse daher "jeder Einzelne" sich mehr engagieren, sich mit seiner Kraft und seinem Mut einbringen. "Das hängt von Ihnen ab", antwortete denn auch der Stadtplaner Reinhold Hytrek auf die Frage von Heinz Schlosser, wie es um die Nahversorgung für Senioren bestellt sein werde. Fachgeschäfte in den Innenstädten brauchen eben Kundschaft, um am Ort bleiben zu können.
Bei der Energie-Politik und dem Management von wiederverwertbaren Stoffen steuere man bereits um, erklärte Markus Töpfer, seit 2003 der zweite Geschäftsführer der Rhein-Main Deponie GmbH des Kreises. Aus der Verarbeitung von Biomasse und Biogas sowie aus Photovoltaik-Anlagen auf der Deponie in Wicker vor den Toren Hochheims erzeuge man bereits heute für 50000 Haushalte Strom. Und "da ist noch Musik drin", zeigte sich Töpfer überzeugt, dass dies noch zu steigern sei. Man müsse wissen, was man wollle, und sich das auch etwas kosten lassen. Auch da spiele das Verhalten heutiger Verbraucher eine Rolle: Der in der Nähe produzierte Strom von der Deponie sei eben teurer als Atomstrom. "Manche Dinge haben eben ihren Preis", sagte Töpfer.
Viele Herausforderungen
"Massiv" nannte der Grünen-Bundestagsabgeordnete des Main-Taunus-Kreises Wolfgang Strengmann-Kuhn die unmittelbar bervorstehenden Herausforderungen beim Klimaschutz und im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung: Immer mehr ältere Menschen, die im Alter noch jung sind, würden wegen der eigenen Gesundheit und zum Schutz der Umwelt beispielsweise mehr Rad fahren. Um der wachsenden Abhängigkeit weiter Bevölkerungsschichten von staatlichen Leistungen und dem steigenden Risiko, zu verarmen, entgegenzuwirken, müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Erwerbsarbeit und Kindererziehung gleichzeitig ermöglichen. Auf die Frage von Beate Preis sagte er, die Industrie müsse sich wegen schwindender Rohstoffe "radikal" umstellen und "wir brauchen jede Menge Dienstleistungen".
Ein flammendes Plädoyer für eine rosige Zukunft des Main-Taunus-Kreises, der auch in Zukunft nicht in einem regionalen Groß-Kreis untergehen, sondern weiterhin auf die Kraft seiner Kommunen setzen werde, hielt Landrat Gall und erhielt dafür aus dem Publikum viel Applaus. Dafür, und darin waren sich Gall und Strengmann-Kuhn einig, müsse es wieder mehr Lobbyisten für die Kommunen geben, die dazu beitragen, dass Bundesgesetze die Kommunen nicht wie derzeit finanziell derart "austrocknen", dass sie ihre Aufgaben kaum noch erfüllen können. Allerdings müssten die Bürgermeister, so Landrat Gall, bei der Gewinnung von ansiedlungswilligen Betrieben findiger werden und sich mehr als Manager eines Unternehmens sehen, um Erfolg zu haben.
Die Entwicklung des Fluglärms, der mit dem Ausbau des Flughafens wachsen wird, ist nicht nur für den Main-Taunus-Kreis erheblich. Wilhelm Seubert war aus dem benachbarten Delkenheim gekommen und fragte, welche Chance die Bevölkerung noch habe, sich gegen den Ausbau zu wehren. Gall stellte sich als vehementer Verfechter eines Nachtflugverbotes dar und befürwortete, dass eine Studie über die Auswirkungen des Lärms erstellt wird. Er sagte, er sehe Chancen dafür, dass nicht nur für den Umzug der Chemie-Firma Ticona Geld gezahlt werde, sondern sich die Flughafenbetreiberin Fraport und die Landesregierung dahin bewegten, einen Fonds zur Entschädigung von Leuten einzurichten, die wegen des Fluglärms aus der Region wegziehen wollen.

