Väter werden nicht geschont
18.09.2010 - MAINZ
Von Alfred Balz
FESTIVAL Alter als Thema bei „Grenzenlos Kultur“
Ein Thema und zwei Aufführungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: „Grenzenlos Kultur“ hat sich im KUZ dem Thema Alter angenommen. Was machen wir mit den Großeltern, wenn sie Hilfe oder Pflege brauchen?
Karina Kühne, eine junge Schauspielerin mit Down-Syndrom, gibt in ihrer humorvollen Lesung verblüffende Antworten, die die Zeitschrift „Ohrenkuss“ anderen abgelauscht hat. Dabei ist sie allerdings nicht allein. Anton Berman produziert live mit Mikro, Mixer, Sampler, Melodika und Flöte eine elektronische Lounge-Musik, die sich sanft um die Worte schmiegt, um in Lesepausen in ungeahnte Echosphären zu entschwinden. Die geübte Vorleserin spielt dazu manchmal ein Daumenklavier, das sanft wie eine nostalgische Spieluhr tönt.
Die Autoren mit Down-Syndrom haben ihre eigene Logik und Weisheit: Das Verfallsdatum gilt nicht nur bei Lebensmitteln und Medikamenten. Die Altersbeschränkung bei Horrorfilmen wie „das Haus der blutigen Augen“ macht ebenfalls Sinn. Auch die schrumpelige Papierhaut und Vergesslichkeit des Opas kann Angst machen. Kleine Videoeinspielungen wechseln sich ab mit kurzweiligem Lesefutter aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Man kann Tote zwar nicht vom Himmel holen, ihnen aber einen Brief schreiben. Am meisten wünschen die Enkel von den Großeltern Zeit, einen Kinobesuch und gelegentlich einen Geldschein.
Mit She She Pop (und ihren Vätern) hat sich ein Berliner Frauenkollektiv zusammen gefunden, das seine Stücke selbst entwickelt und inszeniert. Mieke Matzke und Ilia Papatheodorou haben für die Generationenfarce „Testament“ ihre pensionierten Väter mitgebracht. Für die erkrankte Tochter von Peter Halmburger ist Berit Stumpf eingesprungen. Für den pflegebedürftigen Vater von Lisa Lucassen, der in Video und Texten präsent ist, gibt es keinen Ersatz. Die Idee, eine klassische Tragödie als Vorlage zu benutzen, wurde von außen an die Gruppe herangetragen: Shakespeares „König Lear“ erkennt erst in Wahnsinn und Tod Kälte und Skrupellosigkeit seiner Töchter und der Gesellschaft. So werden die Väter im Spiel keinesfalls geschont und bis zur Selbstentblößung gefordert. Am Ende entreißen die Töchter den Vätern Macht und Krone. Über weite Strecken gerät das Stück zur Satire auf den Generationenkonflik. Illusionslos werden Pflege und Restautonomie verhandelt.

