23. Februar 2012 04:19 Uhr
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Theater 

Schminke statt Instinkt

18.01.2012 - MAINZ/BERLIN

Von Martin Eich

DEBATTE Weiße Darsteller für schwarze Figuren? / Berlin in Erklärungsnot, Mainz nicht

Wenn am 10. Februar im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters das Stück „Die Unerhörten“ von Pulitzer-Preisträger Bruce Norris erstmals in Deutschland gezeigt wird, werden mit Jonathan Aikins, Jean Claude Mawila, Lara-Sophie Milagro, Leander Graf und Felix Frenken fünf schwarze Darsteller auf der Bühne zu sehen sein. Und renommierten Theatern in Berlin würde diese Produktion deshalb auch gleich fünf Möglichkeiten bieten, sich in die Schlagzeilen und ins Gerede zu bringen.

Denn nicht am Rhein, an der Spree muss - glaubt man Verlautbarungen - gespart werden, vor allem beim Verpflichten von Gästen: Wo einige der finanziell noch am besten ausgestatteten Sprechtheater des Landes residieren, sind die Mittel so knapp, dass schwarze Charaktere mit weißen, dunkel geschminkten Schauspielern besetzt werden müssen. Und selbst, wenn es anders wäre, gäbe es - leider, leider - schließlich keine schwarzen Darsteller, die man engagieren könnte.

So lauten, meist verschämt und hinter vorgehaltener Hand geäußert, einige der originellsten Begründungen, warum der Weg für Schwarze auf die Bühnen des kosmopolitischen Berlin offenbar besonders beschwerlich ist. Gleich zwei Theater haben sich dort, mit unterschiedlichen Folgen und Verweis auf die Kunstfreiheit, unlängst dem in den USA längst verpönten „Blackfacing“ verschrieben - dessen Ursprünge lange vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und damit in einer Epoche lagen, als Schwarze auf Bühnen nicht geduldet wurden.

Zuletzt das Schlossparktheater in Berlin, das seit Dezember 2008 von Dieter Hallervorden geleitet wird. Ein „Shit storm“ sei seit Jahresbeginn über ihn hereingebrochen, klagte der Kabarettist nach der Premiere des Stücks „Ich bin nicht Rappaport“ von Herb Gardner, bei dem der schwarze Midge von einem geschminkten Joachim Bliese gespielt wird, und das deshalb dem kleinen Theater ebenso landesweite wie unliebsame Aufmerksamkeit einbrachte. Um sich dann energisch zu geben: Ja, die Gestaltung eines ebenfalls kritisierten Plakats, mit dem die Produktion beworben wird, wolle er überdenken, und nein, an der Besetzung werde er nichts ändern.

Ähnlich unsensibel zeigte man sich zuvor im Deutschen Theater (DT), das im Dezember die für den 22. Januar geplante Premiere von „Clybourne Park“ absagen musste. Weil das Haus die Rolle der schwarzen Francine nicht mit einer afroamerikanischen Schauspielerin, sondern mit einem weißen Ensemblemitglied besetzen wollte, entzog Autor Norris die Aufführungsrechte.

In Mainz hingegen vermied Staatstheater-Intendant Matthias Fontheim, der auch „Die Unerhörten“ auf die Bühne bringen wird, solche Besetzungspannen und konnte den Zweiakter - der die Banalität des alltäglichen Rassismus porträtiert - wie geplant inszenieren.

„Ich verstehe Bruce Norris. Diese Debatte ist fast wie ein dritter Akt von Clybourne Park“, sagt Fontheim heute und ist damit einer der wenigen aus der Theaterszene, die dem Autor öffentlich zustimmen. Denn Kritik an DT-Intendant Ulrich Khuon, zugleich Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein, ist kaum zu vernehmen - obwohl es nicht das erste Mal ist, dass dessen Theater in Besetzungsfragen danebengreift. Probleme, die Rollen zu vergeben, hätte es in Mainz keine gegeben. Man sei, betont Fontheim, wie üblich verfahren: „Es gibt viele schwarze Schauspieler, die Engagements suchen. Wir haben die Kollegen über die zentrale Künstlervermittlung ZAV gefunden.“

Die Debatte über die Berliner Bühnen thematisiert den Einzelfall und meint das Allgemeine. Wie real das Virtuelle ist, wie sehr der dramatische Gegenkosmos den normativen Vorgaben der Wirklichkeit unterliegt, wird diskutiert, seitdem Theaterfürst Philipp IV. das spanische Theater zum Ersatz einer Welt machte, die mit der Armada unterging, von Holländern erobert und von Franzosen verraten worden war. In Berlin und Mainz wird dies derzeit unterschiedlich beantwortet. Und so fehlt in manchem Hauptstadt-Theater nicht der gute Wille. Es fehlt der Instinkt.

Toks Körner und Lara-Sophie Milagro in Bruce Norris' „Clybourne Park“ 2010 im Mainzer Staatstheater. 	Foto: Bettina Müller

Toks Körner und Lara-Sophie Milagro in Bruce Norris' „Clybourne Park“ 2010 im Mainzer Staatstheater. Foto: Bettina MüllerVergrößern

MOHR OTHELLO?
Shakespeare war unbefangen, nannte seinen eifersüchtigen Othello den „Moor of Venice“. Was dürfen, was müssen, was sollten wir sagen - und was nicht?

Der Begriff Neger, seit dem 17. Jahrhundert in Gebrauch für dunkelhäutige Menschen vornehmlich aus Afrika, später auch aus Amerika, gilt spätestens seit den 1960er Jahren als herabsetzend und wird nur noch unbedacht oder mit beleidigender Absicht verwendet.

Das Wort Nigger war von jeher ein Schimpfwort.

Die Bezeichnung Mohr, vermutlich abgeleitet von „Maure“, ist seit dem Mittelalter belegt und gilt wie das Wort Neger heute als Verunglimpfung. Durch die Schokoladenwerbung mit dem „Sarotti-Mohren“ ist ihm im deutschen Sprachraum zusätzlich eine Verniedlichung widerfahren, die den Fall allerdings nicht besser macht.

Die Bezeichnung Farbige sollte ab den 70er Jahren den Begriff-Wirrwarr lösen, galt kurzzeitig als politisch korrekt, ist heute aber als unzutreffend und albern verworfen.

Die gebräuchliche Wortwahl ist Schwarze. So nennen sich überwiegend auch die Betroffenen selbst.
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