Elgar begeistert, Beethoven enttäuscht
28.08.2010 - WIESBADEN
Von Axel Zibulski
RMF Hélène Grimaud und das Sydney Orchestra
In diesem Sommer sind sie das Orchester mit der weitesten Anreise zum Rheingau Musik Festival: Zuletzt gastierte das Sydney Symphony Orchestra 1995 in Deutschland. Zuhause in Australien bespielt man regelmäßig die Oper, das Wahrzeichen Sydneys; die aktuelle Europa-Tournee führt noch nach Amsterdam, Österreich und Großbritannien.
Britisches Finale
Britisch war im ausverkauften Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses auch das Konzert-Finale mit Edward Elgars „Enigma-Variationen“ für Orchester: Schließlich gibt man sich Down Under, wo die Queen formell noch immer als Staatsoberhaupt dient, königstreu. Da passt Elgar, Komponist von Englands heimlicher zweiter Hymne „Pomp and Circumstance“, doch bestens.
Bestens passte in diesem Konzert aber auch der Einstieg mit Antonín Dvoráks Konzertouvertüre „Karneval“ op. 92. Weil Vladimir Ashkenazy, seit vergangenem Jahr Chefdirigent in Sydney, das forsch-melodiöse Stück mit Schwung und Elan, aber nie nur als orchestralen Reißer, vielmehr sinfonisch gut ausgehorcht und klug in der Disposition der Stimmen anlegte. Eine insistierende Cello-Linie hier, ein strahlender Bläser-Gipfel dort: Da war viel mehr Differenzierung im Spiel als beim anschließenden solistischen Auftritt von Hélène Grimaud. Zweimal hat die französische Pianistin unlängst Auftritte bei den Wiesbadener Meisterkonzerten absagen müssen. Beim australischen Gastspiel war sie nun mit Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73 zu hören. Eine Enttäuschung: Im frühen Klaviereinsatz zu Beginn des Vorspiels fehlte das Auftrumpfende im pianistischen Durchmessen des Raums; das mittlere Adagio spielte Grimaud einheitlich weich gefärbt und schmal im Anschlag, ohne Farben, ohne klangliche Differenzierung. Und den aufstrahlenden Übergang zum Finale hat man wohl selten so beiläufig gehört wie hier. Technisch immerhin wirkte das alles routiniert, so wie auch die ins Trockene schattierte Begleitung durch das Sydney Symphony Orchestra.
Lässige Eleganz
Um so glanzvoller durfte im zweiten Konzertteil die Aufführung von Edward Elgars 1899 in London uraufgeführten „Enigma-Variationen“ über ein Originalthema op. 36 ausfallen. Für Elgar Gelegenheit, Stück für Stück 12 Freunde, die eigene Gattin, schließlich auch sich selbst tönend zu porträtieren. Und für jedes Orchester Gelegenheit, mit dem exzellent instrumentierten Werk eine Schau der technischen Möglichkeiten zu geben: Im Kurhaus vermittelte das Sydney Symphony Orchestra das alles mit dem Eindruck jener Lässigkeit, die man den Australiern gerne nachsagt, ohne dass dies je auf Kosten der Genauigkeit gegangen wäre. Und so zog sie höchst elegant vorbei, Elgars Freunde-Galerie, einer der gehalt- und genussvollsten Momente des diesjährigen Festivals, mit intensivem Applaus gewürdigt.

