Ein politischer Pianist
11.06.2010 - WIESBADEN
Von Volker Milch
Wenn Kai Schumacher seine Kindheit beschreibt, hört sich das so an, als habe er nie Herrn Clementis Sonatinen geklimpert oder unter den Etüden von Czerny & Co. gelitten: „Kein Drill, keine Klaviermaschinenproduktion, kein Jugend-Musiziert-Wahnsinn“.
Dass man indes auch als undressierter Pianist Erfolg haben kann, zeigen die CD-Rezension der letzten Monate, unter anderem im Fonoforum, dem tonangebenden Klassik-Magazin: „eine pianistische Sensation“. Der junge Mann ist dabei keineswegs nur mit klassischem Repertoire erfolgreich (solistisch oder im „Trio Kayana“). Er ist auch als Rock-Keyboarder aktiv, lässt seiner Kreativität in Sound-Experimenten und Improvisationen freien Lauf oder präsentiert auf Youtube eine Klavierfassung von „Killing in the Name“ der US-Band RATM. Dieses Phänomen möchte man sich aus der Nähe anhören.
Flotte Homepage
Also auf nach Duisburg, an seinen Wohnort, zumal dort eine Veranstaltung auf dem Programm steht, die den Ruf eines unkonventionellen Künstlers zu bestätigen scheint: „Ambient meets Classic“. Die flotte Homepage, auf der sich der Sohn des Mainzer Kulturstaatssekretärs Walter Schumacher mit zersaustem Haar ganz cool präsentiert, verheißt ein Konzert, das ins Bild passt: Schumacher am Fender Rhodes Piano, Marecco Marocco (Digital Media) und Ben Bonitempi (DJ-Set). Hört sich gut an. Im Konzertsaal muss das Bier nicht draußen bleiben: „Zum Hübi“ heißt die Lokalität, die ihren Teil zum Kulturhauptstadt-Projekt Ruhr 2010 beiträgt.
Duisburg also. Hier fühlt sich der im gepflegten Baden-Baden aufgewachsene Pianist wohl, wie er später im Gespräch verrät. Als „ehrlich“ empfindet er die von der Maloche gezeichnete Region, in der man „sehr direkt angesprochen wird“. Die Menschen in Mainz, wo er oft bei seinem Vater zu Besuch ist, seien ähnlich direkt, findet er. In Baden-Baden habe er übrigens einst gegen das Festspielhaus protestiert. Das ist weit weg an diesem Abend in Ruhrort. Am Horizont rauchende Schlote, zwischen denen die Sonne sinkt. Oscar Huber dümpelt im Hafenwasser. Er ist der letzte erhaltene Radschleppdampfer und trägt zur Industrieromantik an der Kaimauer bei. Drinnen, im „Hübi“, krümmt sich Schumacher über die Klaviatur, als wolle er in den Klang kriechen. Schlechte Haltung, guter Sound, beste Stimmung.
An politischer Haltung fehlt es nicht in seinem Repertoire. Er hat mit einer CD aufhorchen lassen, die unlängst beim Schott-Label Wergo erschienen ist: „The People United Will Never Be Defeated“ ist ein großer Klavierzyklus des US-Komponisten Frederic Rzewski (Jahrgang 1938). Ausgangspunkt der 36 Variationen ist ein chilenisches Protestlied: „El pueblo unido jamás será vencido“. Ein kämpferisches Klavierwerk also, das die Unbesiegbarkeit des Volkes feiert. Es ist kein dogmatischer Avantgarde-Brocken, sondern eine bunte, höchst virtuose Stil-Mischung, die auf der ästhetischen Ebene die politische Vereinigungs-Botschaft spiegelt.
Gegen die Rituale

