Begegnung - in Wirklichkeit und Fantasie
06.05.2010 - WIESBADEN
Von Viola Bolduan
TRIO MORTALE Wiesbadener Krimistipendiaten: Empfang in der Stadt und Lesung im Literaturhaus
Noch zeigt sich auch ein kühles Wiesbaden von seiner schönen Seite. Die Wohngemeinschaft der drei neuen Krimistipendiaten hat sich im Literaturhaus etabliert, und eine erste Besichtigung hat stattgefunden: "Nette Kurstadt" sagt die Autorin aus Wien, Anni Bürkl, macht aber hinter der "Idylle" schon ein Fragezeichen. Der für den diesjährigen Glauser-Preis nominierte Krimischreiber Horst Eckert (Düsseldorf) ist überrascht über Wiesbadens "kulturelle Vielfalt", muss aber hinter seinen ersten Eindruck der Stadt - "schön" - auch erst "mal gucken". Noch sind es die bereits publizierten Geschichten, die kurz vor der gemeinsamen Lesung im Kopfe spuken - die von Kulturdezernentin Rita Thies gewünschten kriminologischen Wiesbaden-Motive werden sich erst nach und nach aufdecken. Dann gibt es, wie im vergangenen Jahr, wieder einen Band mit lokalbezogenen Kurzkrimis der Stipendiaten. Regula Venske aus Hamburg ist die Dritte in diesem Bunde, den Thies Dienstagabend im Flämischen Salon des Literaturhauses offiziell begrüßt. Während dieses Monats werden die drei Gäste in Schulen und im Literaturhaus lesen.
Auftakt mit allen am ersten Abend im Roten Salon und so auch mit unterschiedlichen Themen, Stimmungen, Rhythmen. In Fiktion verwandelt Anni Bürkl die Begegnung ihrer beiden realen Berufe, den der Romanschreiberin und Ghostwriterin. "Gutenbergs Geist" beherrscht beide - nur einer aber sahnt den Ruhm ab, während der andere ein unbekannter Arbeitssklave bleibt - mit Rachegelüst, das in seinem Ausbruch das Fiktive verdoppelt und Wahrnehmungsgrenzen verschwimmen lässt.
Ganz anders der lang schon renommierte Krimispezialist Horst Eckert, der sich auf soziale Realitäten bezieht, wenn er Wirklichkeiten in Büchern entstehen lässt. Im neuen Roman "Sprengkraft" verknotet er Aktualitäten und reicht am Abend einen "Appetizer": Sein Ermittler-Paar fahndet in der Drogenszene, wird dort aber auf ein weiterreichendes Problem stoßen. Es erschrickt - warum? Das wird sich - vielleicht - in der Abschluss-Lesung am 27. Mai herausstellen.
"Bankraub mit Möwenschiss" klingt nicht nur lässig skurril, sondern ist es mit Regula Venskes ironischem Zungenschlag im gleichnamigen Insel-Krimi auch. Onno Petersen, der Alte von Juist, versucht sich als Bankräuber - aus Notwehr, mit aber geringem Erfolg. Dafür macht sich die Fantasie eines Bankers selbstständig. Möge die Stadt ähnlich auf die der drei Autoren wirken.

