Von Viola Bolduan
LESUNG Christophe Fricker bei Wiederspahn
Er macht den Auftakt in Thomas Wiederspahns Antiquariat an der Webergasse für eine geplante neue Lese- und Gesprächsreihe in den bücherprallen Räumen, weil er schon als Schüler in Wiederspahns früherer Buchhandlung ausgeholfen hatte: Christophe Fricker stammt aus Wiesbaden, zieht seit einem Jahrzehnt als intellektueller Globetrotter um die Welt, unterrichtet und schreibt. 1999 war er im Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen erfolgreich, zehn Jahre später ist er Förderpreisträger zum Hermann-Hesse-Preis. Christophe Fricker arbeitet als Übersetzer, schreibt Gedichte und Essays. Ein Ergebnis seiner literarischen Ambition wie erlebten Weltläufigkeit ist im jüngst erschienenen Buch "Larkin Terminal" gesammelt: zwölf Porträts über Menschen und Orte.
"Wahr" und "gestaltet"
Im Sessel vor intim eng gestellter Runde las der 31-Jährige zweieinhalb Kapitel und gab als erfahrener Dozent vorab eine kurze Poetologie-Erklärung: Das Geschilderte sei "wahr" und "gestaltet" - wie das freilich für jeden Erlebnisbericht zutrifft. Und räumt ein, dass das Reisen um die Welt Reiz und Gefährdung gleichermaßen in sich birgt. Die Frage, wo Mobilität den Ausgleich eines Ruhepunkts finden könne, stellt und beantwortet das erste Buchkapitel. "Das ungeleerte Pferd" bleibt als stabiler Aufbewahrungsort für schriftliche Botschaften einer Reisenden. Die Assoziation an die altehrwürdige Metapher des trojanischen Pferdes problematisiert den statischen Gegenpol dabei nicht zufällig.
Unterkühlte Ironie schwingt in Frickers Episode aus dem College in Oxford mit. "Weinprobe und Abendmahl" spiegelt britisches Zeremoniell in Small Talk, Gläserposition und professoralem Lob für den Tischplan. Ziel der Übung am High Table und drumherum ist die "unterbetonte Souveränität" britischer Lebensart.
So reizvoll eben sie kennenzulernen, so verstummt doch nicht die Frage des Autors, wie viel "weiß ich eigentlich über die Länder, die ich in den letzten Jahren gestreift habe"? Kann er sich der Unwissenheit Mitreisender über Geschichte und Gegenwart Deutschlands denn überlegen fühlen? Es sind die Fragen, die er stellt, die Christophe Frickers auszeichnen. Der kurzen Lesung folgte ein langes Zusammenstehen.

