Wiesbadener veröffentlicht Thriller „Kino“ in den USA
04.08.2012 - WIESBADEN
Von Julia Anderton
Als der Wiesbadener Jürgen Fauth sich für ein Studium auf der anderen Rheinseite entschied, hatte er nicht die geringste Ahnung, dass dieser Ortswechsel bald einen noch größeren nach sich ziehen würde: Im Rahmen seines Amerikanistik-Studiums an der Mainzer Universität ergatterte Fauth ein Austauschstipendium und verbrachte ein Jahr an einem College in Mississippi. „Da entdeckte ich, dass man Kreatives Schreiben studieren konnte - in Deutschland war das damals noch weitgehend unbekannt. Ich gewann prompt einen Preis und beschloss, mich darauf zu konzentrieren.“
Fauth machte in den USA seinen Magister sowie Doktor in Kreativem Schreiben. Zusammen mit seiner ebenfalls schreibenden Frau Marcy Dermansky ging es zuerst nach New Orleans, dann nach New York, um da ihr Glück als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst allerdings arbeitete Fauth als Filmkritiker. Und zwar derart erfolgreich, dass er zehn Jahre lang für ein Internetportal der „New York Times“ die Arthouse-Film-Seiten betreute.
Von Filmmuseum inspiriert
Nebenbei veröffentlichte er seinen ersten Roman „Kino“, der bislang nur in der englischen Original-Version erhältlich ist: Der literarische Thriller handelt von einem deutschen Stummfilmregisseur, dessen Filme im Zweiten Weltkrieg verschwinden. Seine Enkelin erhält im heutigen New York unter mysteriösen Umständen seinen Debütfilm „Tulpendiebe“ und reist nach Berlin, um der Spur ihres Großvaters zu folgen. Dadurch spielen Teile des Romans in der Gegenwart und andere in den Zwanziger und Dreißiger Jahren, wo Figuren wie Fritz Lang, Leni Riefenstahl und Joseph Goebbels auftauchen.
Was hat Fauth zu „Kino“ inspiriert? „Den Anstoß gab ein Besuch im Filmmuseum in Berlin - das steckt so voller Drama und unglaublichen Geschichten, dass ich sofort das Potenzial gewittert habe. Davon abgesehen haben mich Filme aus der Weimarer Republik schon immer interessiert. Dazu habe ich auch die Möglichkeit gesehen, meine eigenen Erfahrungen als Auswanderer zu verarbeiten.“ Zudem befasse sich „Kino“ thematisch mit der Frage, wie Geschichte, Kunst und Familie zusammen passen. „Ein hoch interessantes Spannungsfeld. Ich habe versucht, diese Thematik mit einer packenden Geschichte zu verknüpfen.“ Die Recherche bereitet enormen Spaß. „Ich habe unzählige Biografien und Geschichtsbücher gewälzt und natürlich jeden Stummfilm geschaut, der mir in die Finger kam.“ Während so mancher Schriftsteller einer möglichen Verfilmung seines Werkes skeptisch gegenübersteht, hätte der 42-Jährige gegen ein solches Vorhaben nichts einzuwenden. „Mit dem richtigen Regisseur könnte ich mir das äußerst interessant vorstellen. Natürlich kann das auch immer schief gehen, aber das Buch gibt es ja auch im Falle eines kompletten Desasters immer noch.“
Rückkehr in Heimatstadt
So lässt er sich generell von Filmen ebenso stark wie von Literatur beeinflussen. „Aber ich bin Allesfresser und glaube fest daran, dass man überall Inspiration finden kann, wenn man nur genau genug hinguckt, von der zeitgenössischen Kunst bis zum improvisierten Rock.“
Vergangenen Sommer ist Fauth mit Frau und Kind in seine Heimatstadt zurückgekehrt. „Ich habe die Zeit in New York sehr genossen, aber nach der Geburt unserer Tochter überwogen die Nachteile: Die Platznot, das wenige Grün, der Stress auf den Straßen und in der U-Bahn. Und mit einem Kleinkind nimmt man das kulturelle Angebot nur wenig wahr. Darunter hat dann schließlich auch unsere Arbeit gelitten.“ Wiesbaden biete neben den vielen Parks ein ruhigeres Umfeld sowie Großeltern, die sich gerne um die dreijährige Tochter kümmern. „Jetzt haben wir auch endlich wieder Zeit und Platz zum Schreiben. Aber ein Kulturschock war es schon. Die Menschen in New York sind im Allgemeinen offener als hier.“


