Anarchismus-Forschung: der Mainzer Revolutionär Rudolf Rocker und die Utopie der Freiheit
12.06.2012 - MAINZ
Von Alfred Balz
Oft wird Anarchismus mit gewaltbereiten Autonomen oder dem „Schwarzen Block“ gleichgesetzt. Manche sehen in der „Liquid Democracy“ der Piraten ein Wiederaufflackern anarchistischer Ideen. Dabei entstand der Anarchismus in Abgrenzung zum Marxismus bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als libertäre Bewegung mit deutlichem Freiheitsbezug. Theoretiker wie Proudhon, Bakunin und Kropotkin schufen die Grundlagen, auf denen der Mainzer Anarcho-Syndikalist Rudolf Rocker seine Arbeit für die von ihm 1922 mitbegründete „Internationale Arbeiterassoziation“ aufbauen konnte.
In seinem Vortrag „Rudolf Rocker - Mittler zwischen Politik und Judentum“ zeichnete der Publizist Ralf G. Landmesser ein spannendes Bild dieses fast vergessenen Mainzer Philosophen und Revolutionärs.
1873 wurde Rudolf Rocker als Sohn eines Musiknotenstechers geboren. Bereits mit 13 Jahren Vollwaise, wurde er in einem Erziehungsheim und von seinem sozialdemokratischen Onkel aufgezogen. Er wurde zunächst Schiffsjunge auf einem Rheinkahn und später Buchbinder. Aus der Sozialdemokratie als Abweichler ausgeschlossen und noch dazu politisch verfolgt, musste er nach Paris und 1895 nach London emigrieren, wo er Anschluss an die dortige anarchistische Bewegung fand und als Nichtjude für ein jiddisches Blatt schrieb. 1922 war er Mitbegründer der „Internationalen Arbeiterassoziation“, für die er die Statuten entwarf und deren erster Sekretär er wurde.
Als grundsätzlicher Gegner des Bolschewismus schrieb er bereits 1921 die Streitschrift „Der Bankrott des russischen Staatskommunismus“. Sein bedeutendstes Werk „Nationalismus und Kultur“ von 1937 wurde in überarbeiteter Form nach dem 2. Weltkrieg als „Die Entscheidung des Abendlandes“ neu aufgelegt. Vor dem Nationalsozialismus floh er mit seiner Familie nach Amerika, von wo er Anarchosyndikalisten im spanischen Bürgerkrieg unterstützte.
Seinen Lebensunterhalt bestritt er wie auch seine engagierte Frau Milli Wittkop überwiegend mit Vorträgen und Publikationen. Der jüngere Sohn Fermin wurde ein berühmter Kunstmaler, wovon die imposante Bildergalerie in der Pause mit Ölgemälden aus dem Lebensalltag der kleinen Leute kundtat. Eine Massenbasis wie im spanischen Bürgerkrieg konnte der Anarchismus nie mehr erlangen. Ein Einfluss auf Politik oder Gewerkschaftsbewegung ist heute kaum messbar.
Rocker blieb dennoch bis zu seinem Tod 1958 seiner Utopie treu, dass Hierarchien und Machtstrukturen eines Tages von einer herrschaftslosen Gesellschaft der Freien und Gleichen ersetzt werden könnten.


