Von Christine Cornelius
STIFTUNGSPROFESSUR Historikerin zum Islam
"Der Islam ist eine Weltreligion, die sich im Lichte der Geschichte entwickelt hat", erklärte Gudrun Krämer, Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Im Rahmen der Mainzer Stiftungsprofessur sprach die Historikerin über die mit mehr als einer Milliarde Anhängern zweitgrößte Weltreligion. Durch seine Entstehung in der Spätantike habe sich der Islam in ein vielfältiges kulturelles und religiöses Umfeld eingliedern müssen. Dies habe Abgrenzung und Selbstprofilierung nötig gemacht. Etwa im Jahr 610 nach Christus sei der Prophet Mohammed mit seiner Botschaft aufgetreten.
Mohammed ein Mensch
Anders als die Christen verstünden Muslime ihren Propheten nicht als Sohn Gottes. Im Mittelpunkt des Islam stehe die Botschaft selbst und nicht ihr Überbringer. Mohammed sei für Muslime zwar ein Rollenvorbild, werde jedoch als Mensch begriffen, der wie alle anderen Fehler gemacht habe und auch wie alle anderen gestorben sei. Nach islamischer Auffassung hat Gott Mohammed als Sprachrohr benutzt, um die Offenbarung zu verkünden. Der Koran werde als Selbstzeugnis Gottes verstanden und sei nach dem Glauben der Muslime durch Mohammed "hindurchgeflossen", erklärte Krämer.
Ursprünglich galt der Koran nur in arabischer Sprache als authentisch. Die Mehrheit der Muslime spreche allerdings kein Arabisch, weshalb der Koran mittlerweile in vielen Sprachen vorliege. Da eine schlichte Übersetzung jedoch aufgrund der Komplexität der arabischen Sprache nicht möglich sei, bezeichneten viele Übersetzer ihren Text respektvoll als "Annäherung an den Wortlaut des Koran".
Innewohnender Geist
Heute gebe es unter Muslimen eine Vielzahl von Auffassungen darüber, wie der Koran ausgelegt werden sollte. Die klassische islamische Rechtslehre besage, dass die Heilige Schrift nicht jeden Bereich des menschlichen Lebens festlege und durchaus "neutraler Grund" bestehe, Freiräume, in denen "Alltagsvernunft" entscheiden müsse. "Es gibt mehr Raum zum Atmen, als uns manche Islamisten heute glauben lassen", betonte Krämer. So gehe es vielen Muslimen bei der Auslegung des Korans denn auch nicht um die Details, sondern vielmehr um den der Heiligen Schrift innewohnenden Geist. Eine Auffassung, die strenggläubige Muslime ablehnten.
Historisch gesehen hätten sich Muslime schon immer an unterschiedlichste kulturelle Umgebungen angepasst, erklärte Krämer. Daher glaube sie an die Möglichkeit eines "Euro-Islam." Dass der Islam in der deutschen Debatte vor allem als Problem behandelt wird, hält sie für problematisch.

