Von Herbert Heil
Die "On The Corner Sessions" geben Einblick in das Sound-Verständnis des ewig Suchenden
Miles Davis war ein musikalisches Chamäleon. Ein Wanderer durch die Stile. 1945, zu Beginn seiner Karriere, ein kaum auffälliger Bebop-Trompeter. 1950 einer der wesentlichen Exponenten des Cool Jazz. 1955 Leiter einer der bedeutendsten Hardbop-Bands. In den 60er Jahren an "Fusion" mitbeteilgt, der Verbindung von Jazz und Rock. In den 70er Jahren Galionsfigur des "Electric Jazz". Und schließlich ab 1980 Lieblingskind der Disco-Generation. 1972 erschien das Miles Davis Album "On The Corner", das von der Kritik eher zwiespältig aufgenommen wurde. Sowohl Kritiker als auch das Publikum konnten mit dieser Musik nicht viel anfangen. Es war Davis' visionäre Kraft, die diese Musik dominierte. Denn Miles hatte stets offene Ohren und suchte auch nach musikalischen Inspirationen außerhalb des Jazz, ob in der Klassik, der Welt- oder Popmusik. Es war Miles' Abrechnung, seine radikale Abkehr vom herkömmlichen Jazz. Heute erscheint dieses Werk in einem ganz anderen Licht: Besonders, wenn man sich die sechs CDs mit 12 bisher unveröffentlichen Songs anhört - ein sechseinhalb Stunden Programm - das die Columbia/SonyBMG gerade auf den Markt gebracht hat. Übrigens in Superausstattung mit einem 120-Seiten starken, farbigen Booklet. Miles zeigte in dieser Phase seines Schaffens ein völliges Desinteresse an melodischen Strukturen. Jeder solistische Glanz wurde zugunsten eines kollektiven Klangkörpers verbannt. Selbst Miles' Trompete, deren Sound mit Wah-Wah bis zur völligen Unkenntlichkeit verfremdet ist, ordnet sich mit phrasenhaften Kürzeln organisch in den kollektiven Perkussionssound ein. Man gewinnt den Eindruck, jeder spielt nur noch genau zum goldrichtigen Moment, was sich zu einem straff organisierten, federnden Energiepotenzial anhäuft. Es ist eine Musik, die vom rhythmischen Fieber gepackt wird. Themen gibt es keine, die Stücke kommen aus dem Nichts, um wieder zu verschwinden. Die "On The Corner Sessions" gehen zweifellos als experimentelles Durchgangsstadium ohne "Netz und doppelten Boden" in die Musikgeschichte ein. Sie zeigen einen ruhe- und rastlosen Miles, der immer auf der Suche nach einem neuen Sound war. Eine großartige Wiederveröffentlichung. Miles Davis: "On The Corner Sessions", 6 CDs, Sony/BMG.

