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Auf die ersten Minuten kommt es an

17.11.2010 - MAINZ

Von Alexandra Eisen

ERSTE-HILFE-TEST Mainzer Studie mit Laien zeigt große Defizite bei Wiederbelebung

Es hört sich an wie ein Zahlen-Mantra. „Dreißig - zwei, dreißig - zwei, dreißig - zwei. Dreißig Mal drücken, zwei Mal beatmen, das müssen Sie sich merken!“, sagt der Leitende Notarzt Dr. Rüdiger Noppens mit Nachdruck. Denn das ist der Rhythmus, in dem ein Mensch wiederbelebt werden muss. Nur leider merkt sich das kaum jemand.

Denn medizinische Laien beherrschen die wichtigsten Regeln zur Wiederbelebung oft nur mangelhaft bis gar nicht. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Rüdiger Noppens und sein Kollege Dr. Tim Piepho von der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz in der Landeshauptstadt durchgeführt und jetzt veröffentlicht haben. Zwei Tage lang hatten sie und ihre Mitarbeiter während des Mainzer Wissenschaftsmarktes Passanten ohne medizinische Vorkenntnisse gebeten, eine Trainingspuppe wiederzubeleben. Keiner der rund 90 Teilnehmer konnte die gängigen Leitlinien zur Wiederbelebung korrekt wiedergeben, zehn Prozent kannten keine Notrufnummer. „Und vor allem die lebensrettende Herzdruckmassage konnten nur 65 Prozent der Teilnehmer durchführen. Das ist brutal“, sagt Noppens.

Der Oberarzt und Kollege Piepho fordern deshalb neue Konzepte in der Erste-Hilfe-Ausbildung. „Weniger ist mehr“, meint Noppens, der dafür plädiert, die Kurse für den Laien komprimierter zu gestalten, damit die wichtigsten Handgriffe und Verhaltensweisen besser im Gedächtnis bleiben. „Ohne regelmäßige Auffrischung geht es aber trotzdem nicht“, wissen die erfahrenen Notfallmediziner. In Deutschland jedoch ist ein Erste-Hilfe-Kurs lediglich für die Führerscheinprüfung verpflichtend. „Jeder frage sich selbst, was er sich aus diesem Kurs auf Dauer behalten hat“, mahnt Noppens.

Dass verpflichtende, regelmäßige Nachschulungen nur schwer durchsetzbar wären, ist den Medizinern klar. Sie setzen auf eine Mischung aus Aufklärung, permanenter Öffentlichkeitsarbeit und früher Ausbildung in den Schulen. Und sie nehmen auch ihre eigene Zunft in die Pflicht: „Bei Rettungseinsätzen sehen wir immer wieder, dass Angehörige von Risikopatienten nicht wissen, wie Erste Hilfe geleistet werden muss. Dass sie erst mal den Hausarzt anrufen und so kostbare Zeit verlieren, den Patient einfach liegen lassen, bis wir kommen. Wir Ärzte müssen diese Menschen besser aufklären, sie gezielt auf Schulungen hinweisen.“

Außerdem müssten die wichtigsten Handgriffe und die richtige Notrufnummer stärker im öffentlichen Leben präsent sein, zum Beispiel auf Plakaten oder Videobildschirmen in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln. „Man muss das im täglichen Leben verankern, damit es sich einprägt“, sagt Noppens. Den Schulen komme in diesem Gesamtpaket eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Rolle zu. „Erste Hilfe gehört auf den Lehrplan, nicht nur einmal, sondern mit regelmäßiger Wiederholung“, sagt der Notarzt.

Die Ärzte wissen, dass sich die meisten Menschen aufgrund ihrer Unkenntnis und der damit verbundenen Unsicherheit nicht zutrauen, einen Menschen wiederzubeleben, lieber nichts machen und warten, bis das Rettungspersonal eintrifft. Auch scheut sich mancher vor der Mund-zu-Mund-Beatmung, vor allem bei Fremden. „Wir können nicht oft genug sagen: Am schlimmsten ist es, wenn man gar nichts tut“, betont Rüdiger Noppens. Selbst wer sich partout nicht überwinden könne, eine Beatmung durchzuführen, solle wenigstens die Herzdruckmassage anwenden. „Das ist nicht ideal, aber nach neuesten Erkenntnissen auch noch effektiv“, sagt der Notfallmediziner.

Die wenigsten Menschen wissen, dass vor allem die ersten Minuten nach einem Herz-Kreislaufstillstand über Leben und Tod entscheiden. Und dass sie auch darüber entscheiden, ob im Fall eines Überlebens Hirnschädigungen zurückbleiben. „Wenn bis zum Eintreffen des Notarztes eine Reanimation durch Druckmassage und Beatmung erfolgt, der Patient dadurch mit Sauerstoff versorgt wird, ist das neurologische Endergebnis sehr gut, das belegen Studien“, erklärt Noppens. Um so unverständlicher ist es für die beiden Mediziner, dass dieses erste und wichtigste Glied in der Kette der Wiederbelebung, die Hilfe durch Laien, hierzulande so sträflich vernachlässigt wird.

Sie haben die Studie durchgeführt: Dr. Rüdiger Noppens (links) und Dr. Tim Piepho mit ihren Trainingspuppen.	Foto: Sascha Kopp

Sie haben die Studie durchgeführt: Dr. Rüdiger Noppens (links) und Dr. Tim Piepho mit ihren Trainingspuppen. Foto: Sascha KoppVergrößern

DIE STUDIE
Die Studie zum Verhalten von Laien bei Basismaßnahmen zur Wiederbelebung wurde 2008 während des Wissenschaftsmarktes in Mainz an zwei Tagen durchgeführt und jetzt veröffentlicht.

Von 105 Passanten, die angesprochen wurden, wurden 89 in der Studie berücksichtigt. (42 Männer und 47 Frauen), da sie nicht über medizinische Vorkenntnisse verfügten. Sie waren zwischen 18 und 81 Jahre alt. Sieben Teilnehmer hatten noch nie einen Erste-Hilfe-Kurs belegt, 28 nur einmal im Rahmen der Führerscheinprüfung, 54 hatten aus anderen Motiven an einem oder mehr als einem Kurs teilgenommen. Bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer lag der letzte Kurs zehn oder mehr Jahre zurück.

Die Studie ist Basis einer Promotionsarbeit von Nora Resch.
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