Millimeterarbeit am Stahlkoloss: Optischer Laser im neuen Druckzentrum im Einsatz
26.06.2010 - RÜSSELSHEIM
Von Alexandra Dehne
Die gigantisch anmutenden roten Türme faszinieren sofort, der Blick gleitet nach oben, 20 Meter in die Höhe. Vereinzelt sind Arbeiter zu sehen, die auf den Galerien rund um die roten, teils wie Metallschränke ausschauenden Türme beschäftigt sind. Seit einigen Wochen werden im Druckzentrum Rhein Main im Rüsselsheimer Gewerbegebiet „Blauer See“ die Rotations- und Versandanlagen montiert. Eine Tätigkeit, die noch bis Ende Juli, Anfang August dauern wird.
Um die Komponenten der Druckmaschine an ihre Position zu bringen, ist eigens ein 40-Tonnen-Kran montiert worden, der später wieder abgebaut wird. Der Hallenkran, der zum Beispiel bei Reparatur- und Wartungsarbeiten benötigt wird, kann nur eine Last von 3,2 Tonnen heben. Der Falzapparat, der die Druckbahnen auf die halbe Breite faltet, allein wiegt aber bereits 25 Tonnen. Besondere Sorgfalt ist daher beim Anheben und Befördern der wertvollen Fracht gefragt. „Wenn wir falsch fahren würden, würden sich die Gewichte aufschaukeln und der Kran umfallen“, erläutert Michael Selter, Montageleiter der Firma Perit, die sich auf den Verpackungs- und Druckmaschinenbereich spezialisiert hat und nicht zum ersten Mal am Aufbau einer Rotation beteiligt ist.
Der Portalkran, in dessen Mitte die Teile eingehängt werden, läuft auf zwei Schienen, die allerdings nicht synchronisiert sind, sondern von Hand parallel gesteuert werden müssen. Ein Balanceakt für die vier Mitarbeiter von Perit in bis zu 16 Metern Höhe über dem Boden.
„20 Jahre Erfahrung“
Aber wie weiß man, wann welches Teil wo gebraucht wird? „20 Jahre Erfahrung“, lacht André Bigler, Montageleiter des Schweizer Druckmaschinenherstellers Wifag, von dem die Druckmaschinen kommen. Es sei eigentlich ganz einfach, man staple sozusagen die einzelnen Komponenten eines Druckturms aufeinander, erläutert der Schweizer die Vorgehensweise pragmatisch. Vorab sei die Reihenfolge der Montage genau festgelegt worden, daraus ergebe sich dann die Anlieferung der unzähligen Teile. 87 Lastwagenladungen werden es gewesen sein, wenn Ende Juli die Maschinen vollständig stehen. Zwei bis drei Lastwagen kommen pro Tag in Rüsselsheim an. Das künftige Papierlager dient als Zwischenlager für die sorgfältig durchnummerierten und beschrifteten Kisten.
Präzision ist beim Aufbau das Wichtigste. „Wir dürfen uns nicht vertun“, betont Bigler. Die Abweichung dürfe maximal 0,05 Millimeter betragen, mit Hand nicht zu messen. Daher hat der Druckmaschinenhersteller Wifag ein optisches Lasermessgerät entwickeln lassen, das speziell auf ihre Bedürfnisse angepasst wurde. Schon beim Bau wurde die Halle für die Rotation damit ausgemessen, an den Wänden sind dafür feste Fixpunkte montiert. „Sollte es mal ein Erdbeben geben, könnten wir an ihnen sehen, ob sich das Gebäude bewegt hat“, erläutert Bigler. Damit die Vibrationen, die beim Druckprozess entstehen, nicht auf das Gebäude übertragen werden, stehen die Maschinen auf einem eigenen Fundament, das zudem besonders stabil konstruiert wurde. Schließlich bringt eine Maschine ein Gewicht von über 500 Tonnen auf die Waage.
Viel komplizierter als die reine Montage ist die Inbetriebnahme. Denn unzählige Kabel, Schläuche und Rohre für Strom, Wasser, Druckluft, Kälte oder Farbe müssen verlegt und vor allem getestet werden. Bereits in diesen Tagen wird an der ersten Rotation mit Tests begonnen, während die letzte der insgesamt vier Drucklinien noch gar nicht fertig aufgebaut ist. „Für uns ist das Projekt noch lange nicht fertig“, erläutert André Bigler, dass auch die Inbetriebnahme die 15 Mitarbeiter der Wifag noch einige Zeit beschäftigen wird.

