Von Roland Mischke
Fernsehfilm "Die Mauer - Berlin 61" / Auf Arte und in der ARD
Am 13. August 1961 sind Katharina und Hans Kuhlke aus Ost-Berlin zu Gast bei Freunden in West-Berlin, ein Geburtstag wird gefeiert. Sohn Paul ist nicht mitgekommen, er übernachtet bei einem Freund im Osten. In der Nacht wird die Grenze zwischen beiden Stadthälften abgeriegelt, Eltern und Kind werden sich, trotz lebensgefährlicher Versuche, den Stacheldraht zu überwinden, über Jahrzehnte nicht wiedersehen. Der Bauarbeiter Kuhlke ist wegen Devisenschmuggels von Kupferresten bereits im Visier der Stasi, seine Frau hängt mit drin, beide können nicht zurück. Ihr minderjähriger Sohn wird von einer Ost-Berliner Behörde ins Heim überstellt, die Aktion propagandistisch ausgebeutet. Erst nach dem Mauerfall begegnen die drei einander wieder, aber das läuft nicht auf ein Happy-End hinaus. "Und als sie sich trafen, waren sie sich fremd", kommentiert eine Stimme aus dem Off die Szene. Seit Fernsehmacher die Zeitgeschichte ausschlachten und Filme über Schicksale im Dritten Reich und in der Nachkriegsgeschichte produzieren, trieft der Kitsch. Die Mischung ist stets dieselbe: Man nehme bekannte Fernsehgesichter, lasse sie vor einer mehr oder weniger brutalen Handlungskulisse lieben und leiden und unterlege das Ganze mit einem dramatischen Soundtrack. Ohne Liebesgeschichte und ein bisschen Heroismus schienen die Filme über die Bombardierung Dresdens, die Berliner Luftbrücke oder die Hamburger Sturmflut keine Quote bringen zu können. Zudem wurden sie zu Zweiteilern aufgebläht. Nun kommt ein 90-Minuten-Film ins Abendprogramm (heute auf Arte; am 4. Oktober in der ARD), der gänzlich auf Nebenschauplätze und gefühlige Stimmungen inmitten eines grauenvollen Alltags verzichtet - und gerade deshalb ein großer Wurf ist. "Die Mauer - Berlin 61" von Hartmut Schoen ist ein authentisches Geschichtsdrama, das ohne Weichzeichner auskommt. Die Handlung ist stringent, der Film verliert sich nie in Nebenhandlungen. Kompakt und gut informiert wird ein Familienschicksal aufbereitet, ein klägliches Scheitern. Erstaunlicherweise geht das sogar mit Heino Ferch in der Hauptrolle, der gern den deutschen Bruce Willis gibt, aber diesmal sensibel einen Vater darstellt, der unter der Last seines Schicksals zerbricht und von Depressionen zermahlen wird. Ebenso glaubwürdig agieren Inka Friedrich in der Rolle der Mutter und Frederick Lau als Sohn. Hartmut Schoen geht es um das Seelenleben seiner Protagonisten, er erzählt, was totalitäre Politik in Menschen anrichtet, wie sie sie überwältigt, ausleert, verbittert und einsam macht. Er hat dabei den Schauspielern sehr viel, womöglich alles abverlangt, und sie haben sich zu Höchstleistungen gesteigert. Der Film aus der Firma Teamworx ist von der ersten bis zur letzten Minute ein Fernsehereignis. Simpel ist die Geschichte, mit der das Verbrechen der deutschen Teilung dargestellt wird, keine Doku-Soap. Die Kamera sucht sich immer wieder die Gesichter der Darsteller, die auch ohne Worte zeigen, wie Menschen zwischen inkompatiblen Systemen aufgerieben werden. Der ganze Frust einer ebenso gnaden- wie sinnlosen deutschen Geschichtsepoche wird hier anhand eines markanten Beispiels vorgeführt. "Die Mauer - Berlin 61", gedreht zum großen Teil in Wiesbadens polnischer Partnerstadt Wroclaw /Breslau, hätte alle renommierten deutschen Fernsehpreise verdient, der Film bewirkt genau das, was den Kitschschwalldramen nicht gelingt: Er rührt seine Zuschauer und bringt sie zum Nachdenken. Am 29. September bei Arte um 20.40 Uhr, am 4. Oktober in der ARD um 20.15 Uhr.

