Von Doris Kösterke
Alte Oper: Star-Violinist David Garrett
In jedem echten Geiger stecke immer ein Zigeuner, hat Yehudi Menuhin einmal gesagt. Im zweiten Teil des Konzertes, das Model und Crossover-Musiker David Garrett in der Alten Oper gab, hätte wohl auch Menuhin seine Freude gehabt: Süffig-virtuos in Edward Griegs Sonate für Violine und Klavier op.45, vollends in den "Zigeunerweisen op.20" und schließlich in den drei Zugaben, "Tanz der Kobolde" von Antonio Bazzini, Edward William Elgars "Salut d´amour" op. 12/3 und "dem" Csárdás von Vittorio Monti (1868-1922), brachte der gebürtige Aachener sein Publikum zum Toben. Kreuzungen von "E" und "U" Er hat, so geht die Legende, sich in zartestem Kleinkind-Alter der Violine des älteren Bruders bemächtigt und sich selbst das Geigen beigebracht, bevor er an der Juilliard School of Music in New York erfuhr, was Musik ist. Jenseits der Scheuklappen, die die hehre "Ernste" gegen die vermeintlich grundsätzlich minderwertige "Unterhaltungsmusik" zu schützen trachten. Seitdem züchtet er echte Erfolge durch Kreuzungen zwischen "U" und "E", wobei sich die "E"-Komponente allerdings weitestgehend auf den technisch ausgereiften Einsatz des Bildungsbürger-Instrumentes Violine zu beschränken scheint. So hatte der erste Teil des Konzertes gewirkt, als habe ein musikfernes Marketing-Gremium beschlossen, ein "classical concert" müsse mit "some quality music" beginnen, verbürgt durch Namen wie Beethoven und Brahms. In Beethovens später und dichter Violinsonata Nr. 10 G-Dur op. 96 spielten die viel zu laute Pianistin Milana Chernyavska und Garrett nebeneinander her, ohne dass sich ein Konzept hätte erkennen lassen. Das bemühte Publikum klatschte dennoch nach Verklingen jedes einzelnen Satzes. Es folgte ein Kuriosum: Johannes Brahms` Beitrag zur "F.A.E"-Sonate. Sie war ein Geschenk für den Geiger Joseph Joachim über dessen Motto "frei, aber einsam". Robert Schumann hat dafür den zweiten und den letzten, sein Schüler Albert Dietrich den Kopfsatz und der junge Brahms das temperamentvolle, zigeunermusiknahe Scherzo beigetragen. Ob nicht auch in diesem Frühwerk schon der tief schürfende Norddeutsche erkennbar wäre, war hier interpretatorisch nicht die Frage. Nicht genutztes Potenzial Garretts Suche nach breitenwirksamen Wegen der Musikvermittlung ist absolut begrüßenswert. Nur schade, dass er das Potenzial, das in dieser Herangehensweise liegt, nicht nutzt. Denn jenseits vordergründiger Virtuosität lassen sich auch aus dezidiert klassischer Musik Aspekte schälen, die selbst Ungebildetste zum Toben bringen. Dazu allerdings müsste man die Stücke, die man zum Besten gibt, sehr viel besser kennen. Bis Ende Mai kommenden Jahres haben er und Pianistin Chernyavska in 15 weiteren geplanten Konzerten mit diesem Programm Gelegenheit, dies zu erfahren.

