Von Friedemann Diederichs
Fall Murat Kurnaz beschäftigte bis zuletzt auch US-Präsident Bush / Beweislage gegen "Bremer Taliban" dürftig
WASHINGTON/BREMEN Der Anwalt des als "Bremer Taliban" bekannt gewordenen Türken Murat Kurnaz, Bernhard Docke, erhebt Vorwürfe gegen die USA und die frühere Bundesregierung. Docke wies Berlin eine "Mitverantwortung" für die viereinhalbjährige Haft von Kurnaz in Guantanamo zu.
Intensiv hatte sich die Bundesregierung in den letzten Monaten um die Freilassung Murat Kurnaz´, des "Bremer Taliban", bemüht. Auf höchster Ebene - zuletzt beim Besuch von US-Präsident George W. Bush in Angela Merkels Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern - war diese Angelegenheit zur Sprache gekommen, und die deutsche Seite hatte massiv auf eine Lösung gedrängt. Bush sagte dann auch in Schwerin Merkel offiziell die Überstellung des 23-Jährigen zu, überließ allerdings die Regelung der Einzelheiten seinen Fachbeamten. Nun kehrte der türkische Staatsbürger aus dem Internierungslager Guantanamo in seine Wahl-Heimat Deutschland zurück. Ob dies tatsächlich eine gute Nachricht ist, bleibt dem Blickwinkel des Betrachters überlassen. Denn bis heute ist nicht hundertprozentig klar, ob Kurnaz wirklich nur jener harmlose Chorknabe ist, für den ihn sein Anwalt und Menschenrechts-Gruppen stets ausgeben - ein Tourist also, der bei seiner Festnahme zur falschen Zeit am falschen Platz war. Oder ein radikalisierter Muslim, der nur deshalb nicht auf dem "Schlachtfeld" Afghanistan zum Einsatz gegen US-Truppen kam, weil er kurz vor dem Ende des Jahres 2001 rechtzeitig genug in Pakistan verhaftet wurde. Ein Umstand, der letztlich auch zu seiner Freilassung geführt haben könnte, weil jedes formelle Verfahren gegen den mutmaßlichen "Möchtegern-Extremisten" auf dünnem Eis gestanden hätte, zumal der Oberste Gerichtshof der USA kürzlich Änderungen und mehr Rechte für die Angeklagten bei den umstrittenen Militärtribunalen mit deutlichen Worten angemahnt hatte. In US-Militärkreisen ist zu erfahren, dass sich der Häftling während seiner Zeit im "Camp Delta" auf Guantanamo meist gut verhalten hat - im Gegensatz zu anderen Internierten, die Urin und Exkremente in Plastik-Behältern sammelten, um dann damit das Wachpersonal zu attackieren. Auch beteiligte er sich nicht an einer der zahlreichen Hungerstreik-Aktionen. Und bei seiner Anhörung vor einem Militärtribunal gab er zu Protokoll: "Ich hasse Terroristen. Ich habe mehrere Jahre meines Lebens aufgrund von Osama Bin Laden verloren." Doch nach Informationen, die auch den deutschen Sicherheitsbehörden bekannt sind, war das Verhältnis zu Bin Ladens Organisation und Philosophie möglicherweise nicht immer so gespannt. So soll Kurnaz das Wort "Taliban" als Hintergrundmotiv auf seinem Handy benutzt haben. Und das mutmaßliche El-Kaida-Führungsmitglied Mohammed Haidar Zammar, der als einer der Drahtzieher der Anschläge von 11. September gilt und die meisten der Todes-Piloten angeworben haben soll, habe bei seinen Befragungen in der syrischen Hauptstadt Damaskus auch ausgesagt, er habe die Bedeutung des "Heiligen Krieges" gegenüber "zwei Türken aus Bremen" erklärt und diese beiden Personen dann den Taliban zur weiteren Verwendung im Kampf gegen US-Truppen empfohlen. Amerikanischen Stellen zufolge soll die Beschreibung einer der beiden Türken genau Murat Kurnaz entsprochen haben. Allerdings ist fraglich, welchen Stellenwert deutsche Gerichte bei weiteren Ermittlungen gegen Kurnaz der protokollierten Aussage des Deutsch-Syrers Zammar zugestehen würden: Diese, so könnten Strafverteidiger argumentieren, soll möglicherweise unter der Anwendung von folterähnlichen Maßnahmen durch syrische Vernehmungsbeamte zustande gekommen sein. Klare Beweise für diese Vermutung liegen allerdings bis heute nicht vor - auch, weil der als extrem gefährlich geltende Zammar weiter unter Verschluss gehalten wird. In den Monaten vor seinem Pakistan-Trip hatte Kurnaz gemeinsam mit seinem Freund Selcuk Bilgin Ermittlungen zufolge regelmäßig die Abu Bakr-Moschee in Bremen besucht, die unter dem Verdacht steht, auch radikalen Islam-Predigern eine Bühne zu bieten, die gegen die USA und Israel gerichtete Hassparolen verbreiten. Als zumindest merkwürdig wird bis heute auch der Umstand empfunden, dass Kurnaz nach den Terroranschlägen vom 11. September, die er Berichten zufolge als "Wille Allahs" ansah, seine Abreise zunächst vor seinen Eltern geheim hielt, obwohl er eigenen Angaben zufolge in Pakistan doch in Koran-Schulen nur "den Islam besser kennenlernen" wollte. Sein Anwalt hatte bis zuletzt stets argumentiert, der junge Mann habe niemals gekämpft, keine Waffen besessen und auch nie afghanischen Boden betreten - allesamt wohl korrekte Annahmen, die aber am Ende nicht unbedingt auch den denkbaren Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen oder zumindest kriminellen Vereinigung entkräften würden, der sich aus den Zammar-Aussagen ableiten lässt. Doch zu den "Schlimmsten der Schlimmen," wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einst die in Guantanamo einsitzenden Häftlinge bezeichnete, zählt Murat Kurnaz nach allen bisher bekannt gewordenen Fakten nicht.

