Buchautor Goldner begleitet Deutschland-Besuch des Dalai Lama mit kritischen Anmerkungen
HAMBURG Mit einem Appell für die Gleichberechtigung der Frauen hat der Dalai Lama gestern in Hamburg seinen zehntägigen Deutschlandbesuch begonnen. Das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter sagte, er freue sich besonders, an diesem Freitag eine Rede vor dem buddhistischen Nonnenkongress zu halten. Dabei geht es um die Frage, ob Nonnen im tibetischen Buddhismus die volle Ordination erlangen können. Der Dalai Lama wurde auch von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) empfangen, wo er sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen wollte. Colin Goldner, Autor der Dalai-Lama-Biografie "Fall eines Gottkönigs", sieht den Besuch allerdings kritisch. Herr Goldner, warum sind Millionen Deutsche vom geistigen und politischen Oberhaupt der Tibeter entzückt? Goldner: Viele Menschen sind begeistert. Aber wirklich Ahnung haben nur die wenigsten. Man versorgt sich mit gerade soviel an oberflächlicher Kenntnis, dass ein Bildschirm für die eigenen untergründigen Sehnsüchte entsteht. Was fasziniert vorwiegend säkular ausgerichtete Menschen an "seiner Heiligkeit"? Goldner: Ein Free-Tibet-Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel und schon ist man zum "mitfühlenden Gutmenschen" mutiert. Konsequent wird alles ausgeblendet, was das Bild des Dalai Lama ankratzen, liebgewonnene Projektionen zum Platzen bringen könnte. Um so frenetischer der Applaus, je platter dessen Phrasen, je durchsichtiger seine Selbstdarstellung als heroischer Vorkämpfer für Menschenrechte und demokratische Prinzipien. Selbst der größte Unsinn bleibt unwidersprochen. Das Tibetische Zentrum in Hamburg kündigt den Dalai Lama nicht nur als "charismatischen Botschafter des Friedens" an, sondern auch als Motor der "Demokratisierung der tibetischen Gesellschaft"? Goldner Tibet ist heute eine ähnlich pluralistische Gesellschaft wie die gesamte VR China. Am Dalai Lama ist die Entwicklung der letzten Jahrzehnte komplett vorbeigegangen. Seine Doktrin des Vajrayana-Buddhismus - ein abstruser Glaube an Karma und Wiedergeburt, an blutrünstige Geister, Dämonen und Teufel, an Astrologie, Magie und Orakelkult - spielt weder in Tibet, noch in den exiltibetischen Gemeinden die Rolle, die Traditionalisten ihr gern zusprechen. Seine Lehre ist nur noch für Insider - und in ihrer folkloristischen Ausschmückung für das mehr oder minder ahnungslose Westpublikum - von Bedeutung. Sie sprechen von einer "Faschismuskompatibilität des tibetisch-buddhistischen Okkultwesens"? Goldner: Ich verweise etwa auf den Anteil des Dalai Lama am Aufstieg des japanischen Hitler-Verehrers Shoko Asahara und seiner Aum-Terrorsekte. Die U-Bahn-Attentate in Tokio von 1995 waren nur ein Vorspiel: Die Sekte wollte die gesamte Bevölkerung der Stadt unter anderem mit Zyklon B auslöschen. Damit beabsichtigte Asahara, seinen Anspruch als buddhokratischer Weltendiktator zu unterstreichen. Zu einer klaren Verurteilung Asaharas, der aus dem gleichen "Shambhala-Mythos" eines kommenden buddhistischen Weltreiches schöpfte wie der Dalai Lama, konnte "Seine Heiligkeit" sich bis heute nicht durchringen. Der "totale Krieg der Welten", so der Mythos, auf den auch Nazi-Esoteriker wie Heinrich Himmler abstellten, werde im Jahre 2424 ausbrechen. Und er - der dann wiedergeborene Dalai Lama - werde als Feldherr durch das Blut der Feinde voranschreiten. Das Gespräch führte Volker Stahl.

