Von Martin Rücker
Neue Formen der Gewalt/GEW und Gewerkschaft der Polizei schlagen Alarm
BERLIN Lehrer und Polizisten wollen der Gewalt von Schülern gegen Pädagogen gemeinsam entgegentreten. Die Gewerkschaften GEW und GdP plädierten für einen Verhaltenskodex an Schulen sowie für konsequentes Vorgehen gegen Internet-Mobbing.
Im Internet erhalten auch die Lehrer Zeugnisse. So haben Schüler auf der Plattform spickmich.de den Spieß umgedreht und mehr als 100000 Pädagogen bewertet - unter Nennung des vollen Namens und zugehöriger Schule. Noten zwischen Eins und Sechs werden in neun Kategorien vergeben: Je nach Ausprägung ist ein Lehrer demnach "gelassen" oder "hektisch", "sexy" oder "hässlich". Die Seite ist noch eine der harmloseren Varianten, wie Schüler ihre Lehrer online zur Schau stellen. Im Internet kursieren Szenen aus dem Unterricht oder peinliche Auftritte bei Klassenfahrten, gefilmt mit dem Handy und abzurufen etwa in der Filmtauschbörse youtube.com. Die kurzen Clips tragen Titel wie "Lehrer mit versteckter Kamera aufgenommen". Eingestellt werden sie anonym von Nutzern mit Alias-Namen wie "Milchbroetchen". "Schülerstreiche haben heute eine neue Qualität", erklärte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, gestern in Berlin. Was früher der Reißnagel auf dem Stuhl war, sei heute das Bloßstellen im weltweiten Netz. Lehrer klagen über zunehmendes "Internet-Mobbing" - Fachbegriff: Cyber-Bullying. GdP und die Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordern daher Schulen und Politik zum Handeln auf. "Keine Antwort" "Das ist wirklich ein Problem. Es ist eine kulturelle Veränderung, für die die Gesellschaft bisher keine Antworten hat", erklärte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne. Von der Politik fordern die Gewerkschaften "klare gesetzliche Regelungen": Insbesondere sollen die Betreiber von Internetplattformen die Veröffentlichung diskriminierender oder diffamierender Inhalte verhindern - oder zur Zahlung von Schmerzensgeld verdonnert werden können. Der CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis hält dies bereits für möglich: "Lehrer können schon jetzt zivilrechtlich gegen Schüler oder Internetbetreiber vorgehen und Schadensersatz fordern, weil eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte vorliegt." Geis fordert im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion jedoch weiter reichende Konsequenzen: "Wir müssen eine Norm schaffen, damit auch strafrechtlich gegen die Internetbetreiber vorgegangen werden kann." Die Verletzung von Persönlichkeitsrechten im Internet solle "mit einer Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Gefängnis" bestraft werden. Weiteren Handlungsbedarf sehen Polizisten und Lehrer an den Schulen selbst. GEW-Vizechefin Marianne Demmer forderte die Schulen auf, gemeinsam mit Eltern und Kindern einen Verhaltenskodex zu erarbeiten, dem sich alle Schüler verpflichten sollen. Darin könnten sie etwa erklären, Handys und Kameras im Unterricht ausgeschaltet zu lassen. Der Erfolg von Lehrer-Bewertungsportalen wie spickmich.de werde verhindert, wenn Lehrer selbst regelmäßig von ihren Schülern "Feedback einholen". Wie groß das Problem "Internet-Mobbing" tatsächlich ist, kann indes niemand beziffern. In einer britischen Online-Studie haben 17 Prozent der befragten Lehrer angegeben, mindestens einmal via Handy oder Internet gemobbt worden zu sein - gesicherte Zahlen gibt es nicht. GdP-Chef Freiberg spricht von einer besonders "perfiden Art psychischer Gewaltanwendung" - für die es "null Toleranz" geben dürfe, wie GEW-Chef Thöne ergänzt. Dabei sind die neuen Formen der Schülergewalt nur ein Problem unter vielen: Nach einer noch unveröffentlichten Studie der Universitätsklinik Freiburg wurden mehr als vier Prozent der Lehrer bereits mit körperlicher Gewalt bedroht, und 1,4 Prozent waren schon Opfer eines tätlichen Angriffs von Schülern.

