Von Martin Rücker
Radikale Gegner des G8-Treffens in Heiligendamm proben bereits den Widerstand
HELIGENDAMM Anfang Juni erst treffen sich die Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten in Heiligendamm, doch schon jetzt wirft der Gipfel seine Schatten voraus. Gipfelgegner proben bereits den Widerstand.
"Über allen Gipfeln ist Unruh": Frei nach Goethe machen Globalisierungsgegner im Internet für den G8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm mobil. Für Unruhe im Vorfeld ist gesorgt: Im Berliner Stadtteil Friedrichshain brannten am ersten April-Wochenende bereits Barrikaden und Autos. Offiziell eine Solidaritätsaktion für linksautonome Projekte, die ins Visier der Polizei geraten waren - doch "das war nur der Vorgeschmack", heißt es in Internetforen der Szene. Krawalle, wie sie sonst erst beim "Tanz in den Mai" vor allem Kreuzberg stattfinden, lassen in der Berliner Politik die Sorge wachsen, die Hauptstadt könnte zum "Trainingslager" für die G8-Proteste an der Ostseeküste werden. "Der 1. Mai in diesem Jahr ist Teil der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel", verkündet die Antifaschistische Linke Berlin. Wie in der Gipfelwoche heißt das "Mayday"-Motto: "Make Captalism history" - den Kapitalismus überwinden. "Wir müssen aufpassen, dass das nicht eskaliert. Der Linksextremismus hat wieder Nahrung bekommen", warnt Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Dies hänge auch mit dem G8-Gipfel zusammen: "Einige Brandanschläge und Aufrufe im Internet machen das deutlich." Freiberg erinnert an die Angriffe auf das Hamburger Haus des Staatssekretärs im Bundesfinanzministerium, Thomas Mirow (SPD), Ende Dezember und auf ein Gebäude der Firma Dussmann in Berlin im März. Gestern erst bemalte eine "Feriengruppe Ostermaler" ein Haus unweit von Heiligendamm mit dem Schriftzug "NO G8": 50 Meter breit und drei Stockwerke hoch. "Kommt in Massen, seid frech und widerborstig und lasst Euch nicht fangen", werben Globalisierungsgegner im globalen Internet für Heiligendamm. Stets den "Blick nach vorn im Zorn" - auch dieses Motto der Proteste gegen den G7-Gipfel von München anno 1992 wird recycelt, weil sich an den Verhältnissen nichts geändert habe. Im Internet vergleichen Autonome den Zaun, der Gipfelteilnehmer vor den Demonstranten schützen soll, mit der Mauer "der Besatzungsmacht Israel in Palästina" und fordern in einem Atemzug "Freiheit für Christian Klar" und eine "Gesellschaft ohne Knäste". Den Grünen, selbst in Regierungszeiten an Gipfel-Protesten beteiligt, ist es dieses Jahr zu radikal: Den Zentralaufruf zur Großdemo am 2. Juni unterschrieb der Parteivorstand nicht. Gewalt eskalierte Werden Erinnerungen an die Eskalation der Gewalt am Rande des G8-Gipfels von Genua 2001 wach, bei der ein Demonstrant von einem Polizisten erschossen wurde? Die große Mehrheit der Demonstranten werde friedlich protestieren, erklärt Frauke Distelrath, Sprecherin des Anti-Globalisierungsnetzwerks Attac. Sie erwartet die "größte internationale Demo in Deutschland" seit Jahren: "Die Polizei spricht von 100 000 Teilnehmern über die Protestwoche hinweg. Das wäre ein großer Erfolg." Die "Choreografie des Widerstandes" ist online bereits abrufbar und sieht neben der Großdemo in Rostock Flughafen-Blockaden, einen Gegengipfel oder die "Neubesiedelung" des Bombodroms vor. Für den Fall der Fälle gibt es Tipps im Internet: "Was tun wenn's brennt?", heißt ein Demo-Ratgeber der "Solidaritätsaktion" Rote Hilfe: Schuhe, "in denen Du bequem und ggf. schnell laufen kannst" werden ebenso empfohlen wie das richtige Verhalten im Polizeiverhör ("Klappe halten"): "Lass Dich weder von Brutalos einschüchtern noch von verständnisvollen Onkel-Typen weichlabern." Ansonsten gilt: Nach dem Gipfel ist vor der Revolution. "Unser Widerstand muss über die Woche des G8-Gipfels hinausgehen", heißt es auf einer Mobilisierungsseite. "Wir können das System nur wirklich ins Wanken bringen, wenn wir die Mehrheit der Arbeiterklasse . . . für eine Revolution gewinnen."

