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Wiesbadener Kurier

Politik 

"Bundesregierung darf nicht wegsehen"

17.03.2007 - WIESBADEN

Menschenrechtlerin Mina Ahadi warnt vor dem Wirken muslimischer Gruppen in Deutschland

Mina Ahadi, erste Vorsitzende des im Januar in Köln gegründeten Zentralrats der Ex-Muslime, warnt davor, den Dialog über die Integration von Zuwanderern aus islamischen Ländern mit muslimischen Organisationen zu führen. Für ihre Überzeugungen tritt Ahadi, die in ihrem Heimatland Iran gegen den Kopftuchzwang kämpfte und dort zum Tode verurteilt wurde, mutig und auch öffentlich ein. Frau Ahadi, seit Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime brauchen Sie Polizeischutz. Was ist alles passiert? Ahadi: Wenige Stunden nach Veröffentlichung meines ersten Interviews vom 12. Februar hat sich die Polizei bei mir wegen Personenschutzes gemeldet. Mittlerweile gibt es im Internet Aufrufe mit Todesdrohungen. Auch in islamischen Foren wird über mich und die Ex-Muslime diskutiert, und auch dort finden sich viele Drohungen. Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet? Ahadi: Ich habe gewusst, dass unsere Arbeit ziemlich provokativ wirkt. Doch die Situation ist für mich nicht unbekannt. Im Iran habe ich mich gegen das islamistische Regime gestellt. Wenn ich öffentlich auftrete oder eine Rede halte, habe ich schon seit langem Schutz, aber nicht vom Staat, sondern privat. Jetzt werde ich von der Polizei bewacht. Was wollen Sie mit Ihrer Kampagne "Wir haben abgeschworen" in Deutschland erreichen? Ahadi: Ich bin seit elf Jahren in Deutschland. Seitdem habe ich eine Islamisierung unter den hier lebenden Muslimen beobachtet. Ich finde es falsch, dass Menschen aus Ländern wie Iran, Irak, Afghanistan oder der Türkei hier automatisch mit dem Stempel "Muslim" versehen werden. In diesen Ländern selbst gibt es Muslime und auch Nicht-Muslime, aber wir haben hier alle den Muslim-Stempel bekommen, alle dreieinhalb Millionen. Das bedeutet, die Hauptidentität dieser Menschen wäre Muslim-Sein. In der Bundesrepublik sprechen für diese Menschen Organisationen wie Islamische Gemeinschaft Milli Görüs oder der Zentralrat der Muslime, die für einen politisierten Islam eintreten. Das ist unserer Meinung nach falsch und führt dazu, dass in der Bundesrepublik beim Thema Integration eine Islamkonferenz einberufen wird - was skandalös ist. Die betreffenden Gruppen versuchen, hier eine Parallelgesellschaft aufzubauen, mit Kopftuch und mit enormen Druck gegen Mädchen und Frauen. Integration darf also nicht über die Religion und die religiösen Organisationen geschehen? Ahadi: Die islamischen Gruppen sollten sich nicht einmischen. Sie möchten hier doch nur eine Art islamische Insel bauen, mit dem Rechtssystem der Scharia. Die deutsche Regierung darf deshalb nicht wegschauen. Mein Integrationskonzept heißt Universalität der Menschenrechte. Die Zuwanderer sollten die deutsche Sprache lernen und es müsste eine Kultur der Gleichheit aller Menschen entstehen, ohne Parallelgesellschaft. Es gibt genug Menschen, die sich in Deutschland integrieren möchten. 70 bis 80 Prozent der Menschen aus islamischen Ländern sind hier bereits integriert. Nur ein kleiner Teil hat Probleme, und daran sind gewisse Organisationen schuld. Wie war bislang die Resonanz auf die Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime? Ahadi: Wir haben mit 40 Mitgliedern angefangen und sind innerhalb von drei Wochen auf mehr als 320 geklettert. Dabei haben wir sehr viel Post bekommen. Ein 18-Jähriger hat geschrieben, dass er im Herzen schon lange kein Muslim mehr ist und jetzt weiß, dass er damit nicht alleine steht. Auch Deutsche haben geschrieben und Lob geäußert. Ich habe das Gefühl, dass diese Gesellschaft auf unsere Bewegung gewartet hat. Das Gespräch führte Claudia Nauth.


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