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Wiesbadener Kurier

Politik 

In Spaniens Vorstädten kocht Wut hoch

24.01.2007

Von Ralph Schulze

Jugendliche prügeln sich mit Ausländern / Massive Einwanderung schlägt sich in sozialen Spannungen nieder

ALCORCON "Wir werden sie rauswerfen", skandieren die Jugendlichen. Sie haben sich Schals, Kapuzen und Wollmützen übers Gesicht gezogen. Recken die Fäuste in die Höhe. Vielleicht ein Dutzend sind es, die sich vor dem Jugendzentrum in Alcorcon, einer von vielen Arbeitervorstädten im Süden der spanischen Hauptstadt Madrid, zusammengerottet haben. "Wir haben es satt, dass die Latinos sich hier wie die Mafia aufspielen, uns bedrohen und berauben. Die machen, was sie wollen." Und: "Wir sind keine Rassisten", rufen sie über die Straße, "wir wollen nur unsere Stadt verteidigen." Gegenüber parkt am Bordstein ein Mannschaftswagen der Polizei. Die Beamten behalten die Gruppe der wütenden Jugendlichen im Auge. Die ganze Stadt, in der rund 160 000 Menschen leben, scheint im Belagerungszustand: Bereitschaftspolizei an allen Ecken. Seit dem Tag, an dem mehrere hundert spanische Jugendliche in Alcorcon lateinamerikanische Altersgenossen mit martialischen Parolen durch die Straßen jagten, ist es mit dem Frieden in der Satellitenstadt vorbei. Es gab Messerstiche, zertrümmertes Straßenmobiliar, Festnahmen, beschlagnahmte Waffen. In Alcorcon, sorgte sich die konservative Tageszeitung "El Mundo", "scheint ein Pulverfass vor der Explosion zu stehen". Und nicht nur in dieser Trabantenstadt, wo der Ausländeranteil bei etwa 15 Prozent liegt, steigt die Spannung zwischen Immigranten und Spaniern. "Das ist kein Einzelfall", warnt Arturo Canalda, Jugendbeauftragter der Region Madrid, sondern ein genereller Konflikt. "Es geht um das soziale Zusammenleben und die Integration." Die Abneigung gegen Einwanderer sei im Immigrationsland Spanien in den vergangenen Jahren steil angestiegen. In der Tat ist die massive Einwanderung in das südliche Königreich den Umfragen zufolge neuerdings die größte Sorge des 45-Millionen-Volkes. Der Ausländeranteil hat sich binnen fünf Jahren auf gut zehn Prozent verdoppelt. Rund eine halbe Million Menschen kommen derzeit pro Jahr in Spanien legal oder illegal an. Vor allem aus Lateinamerika und Osteuropa. Die schwarzafrikanischen Migranten, die mit ihren lebensgefährlichen Bootsfahrten übers Meer am meisten Schlagzeilen machen, sind derweil nur eine Minderheit im großen Immigrantenstrom Richtung Spanien. In Alcorcon genügte ein Funke, um eine Straßenschlacht zwischen spanischen und südamerikanischen Jugendlichen auszulösen. Erst stritten zwei Mädchen, dann prügelten sich ihre Freunde, die wiederum Hilfe von Dutzenden Landsleuten bekamen. Funken wie in Alcorcon, warnt Spaniens größte Tageszeitung "El Pais", könnten bald auch in anderen Arbeitervorstädten Madrids mit hohem Immigrantenanteil und "gettoähnlichen Strukturen" sprühen.


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