Von Sebastian Bronst und Andreas Rabenstein
Polizei spricht bei Randale in Hamburg am 1. Mai von "neuer Dimension", Anwohner von einem "Schlachtfeld"
HAMBURG/BERLIN Zu hunderten prügeln Rechts- und Linksextremisten aufeinander ein, Passanten werden von Fahrrädern gerissen und niedergeschlagen, Linienbusse attackiert sowie Autos und Barrikaden in Brand gesetzt - bei den schwersten Ausschreitungen seit Jahren ist die Polizei in Hamburg am 1. Mai mit einer neuen Dimension der Gewalt konfrontiert worden. "Wenn sich die Polizei nicht dazwischen geworfen hätte, dann hätte es Tote gegeben", ist sich Einsatzleiter Peter Born sicher. Überrascht waren die Einsatzkräfte vor allem von der Gewaltbereitschaft der rund 1500 Rechtsextremisten, die am Donnerstag durch das traditionelle Arbeiterviertel Barmbek zogen. Einsatzleiter Born sprach von "nackter Gewalt". "Wie aufs Stichwort" stürzten sich mehrere hundert Neonazis schon beim Anmarsch auf linke Gegendemonstranten und begannen eine wüste Massenschlägerei. "Als die Polizei kam, stob diese aufeinander einschlagende Masse in alle Richtungen davon", beschreibt Born die Schwierigkeit, Straftäter zu fassen. Hinzu kommt, dass Linksextremisten und die rechten, sogenannten "nationalen Autonomen", optisch überhaupt nicht voneinander zu unterscheiden sind. "Es war eine Schwere der Gewalt, die uns dort entgegengekommen ist, die wir nicht in vollem Umfang erwartet hatten", beschreibt Hamburgs Polizeipräsident Werner Jantosch die Situation. Die vielen aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland angereisten Krawallmacher hätten die Lage schwer vorhersehbar gemacht. In Berlin herrschte hingegen vergleichsweise Ruhe. Trotz einzelner Gewaltausbrüche und Krawalle von Linksautonomen zogen die Behörden am Freitag eine weitgehend positive Bilanz. Insgesamt wurden 162 Menschen festgenommen, 92 sollten einem Haftrichter vorgeführt werden. Für Aufsehen sorgte die Begegnung des Polizeipräsidenten Dieter Glietsch mit Autonomen. Wie in den vergangenen Jahren wollte der Polizeipräsident die Stimmung in Kreuzberg persönlich begutachten. Er wurde jedoch von Autonomen erkannt, mit Bier bespritzt, beschimpft und bedrängt. Von seinen Leibwächtern in Sicherheit gebracht musste er in einem Mannschaftswagen der Polizei die Flucht antreten. In Hamburg-Barmbek hatten viele Bewohner von Balkonen und Fenstern aus fassungslos verfolgt, wie sich ihre Wohnstraßen und Hinterhöfe für mehrere Stunden in ein Schlachtfeld verwandelten. Schon vor Beginn der eigentlichen Demonstration der Rechtsextremisten hatte eine große schwarze Rauchwolke über dem Stadtteil gestanden, nachdem ein Reifenlager in Brand gesetzt worden war. Auch auf den Gleisen einer S-Bahnlinie hatten Chaoten Feuer gelegt. Als die rund 1500 NPD-Anhänger ihren Demonstrationszug schließlich mit stundenlanger Verspätung begannen, eskalierte die Lage in Barmbek endgültig: Autos gingen in Flammen auf, hunderte linke Randalierer errichteten Straßensperren, attackierten Geschäfte und griffen die Gäste eines Lokals sowie einen Linienbus an. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, um Gegendemonstranten von der Route der Rechtsextremisten zu vertreiben. Steine und Feuerwerkskörper flogen dabei massenhaft auf die 2500 Beamten, Polizeihubschrauber kreisten knatternd über der bedrohlichen Szenerie.

