Von Emilio Rappold
Gier nach Fleisch und Soja vernichtet den Amazonas-Urwald im Rekordtempo / Regierung in Brasilien machtlos
RIO DE JANEIRO Brasilien ist im Schockzustand. Staatschef Luiz Lula da Silva zögerte nicht lange und berief für heute eine Krisensitzung mit sechs Topministern in Brasilia ein. Zeitungen wie "O Globo" brachten die Hiobsbotschaft in großen Lettern auf Seite Eins: Der Amazonas-Regenwald wurde in den vergangenen Monaten so schnell wie nie zuvor zerstört. Experten und Politiker kennen die verantwortlichen "Bösewichte": Die Gier nach Soja und Fleisch bringt die grüne Lunge der Erde in Rekordtempo zum Sterben. "Die Zusammenhänge sind ganz klar. Als Fleisch- und Sojapreise nachgaben, ist auch die Abholzung zurückgegangen. Als die Preise aber dann in die Höhe schossen, nahm auch die Urwaldzerstörung zu", meinte eine TV-Starkommentatorin. Die Regierung hatte erst vor wenigen Monaten den deutlichen Rückgang der Urwaldzerstörung zwischen 2005 und 2007 als Folge der Umweltpolitik gefeiert. Tatsächlich wurden mehr Kontrollen angeordnet und Schutzgesetze erlassen. Ende 2006 wurde das größte Urwaldschutzgebiet der Erde geschaffen. Mit einer Fläche von 16 Millionen Hektar ist es knapp halb so groß wie Deutschland. Doch die Experten sind skeptisch geblieben, dass Brasilia die Profitgier bezwingen kann. Brasilien ist zum weltgrößten Rindfleisch-Exporteur avanciert, und die Stabilität des Landes hängt größtenteils von den Ausfuhren ab. Sojabarone machen dicke Gewinne und brauchen immer mehr Land - wie etwa Gouverneur und Soja-König Blairo Maggi im Bundesland Matto Grosso. Niemand wundert sich, dass 54 Prozent der zwischen August und Dezember zerstörten Waldfläche (mindestens 3235, nach amtlicher Hochrechnung aber 7000 Quadratkilometer) auf Mato Grosso abfallen. "Die Bekämpfung der Regenwaldzerstörung ist ohne Zusammenarbeit der Landbesitzer unmöglich. Man muss die Großgrundbesitzer von ihrer Bedeutung beim Umweltschutz überzeugen und ihnen auch finanzielle Anreize geben", glaubt Waldingenieur Eleazar Volpato von der Universität Brasilia. Aber auch die Politiker, und nicht nur Maggi, brauchen "Nachhilfe-Unterricht". Medien berichten von einer Regierungskrise, weil das Landwirtschaftsministerium die Schuld von Fleisch und Soja an der Malaise nicht einräumen will. Und im Kongress in Brasilia wird seit Monaten ein Projekt erörtert, das eine Reduzierung der Schutzgebiete im Amazonasraum vorsieht. "In Brasilien wird mit doppelter Zunge geredet. Während das Umweltministerium die Zerstörung zu bremsen versucht, finanzieren Staatsbanken und das Agrarministerium mit Krediten und Subventionen die Abholzung ohne jegliche Umweltauflagen. Ohne Marktkontrolle geht das Urwaldsterben weiter", warnt der Chef des Amazonas-Projekts der Nichtregierungsorganisation Conservation International, Adrian Garda. Zudem werfen Gemeindewahlen ihre Schatten voraus. "Vor einem Urnengang ist niemand an Strafen interessiert", sagt der Exekutivsekretär im Umweltministerium José Capobianco.

