Von Christoph Risch
„Ein Haus der Geschichte Hessens ist kein Luxusprojekt, sondern erfüllt zentrale und unverzichtbare gesellschaftliche Funktionen.“ Der das sagt, ist kein Politiker, sondern Historiker, es ist Professor Eckart Conze von der Universität Marburg. Wäre Conze Landtagsabgeordneter wie Rolf Müller (CDU), müsste er zu einem anderen Ergebnis kommen. Zwar will auch Müller das hessische „Haus der Geschichte“, doch angesichts der Rekordverschuldung Hessens und der angekündigten Schuldenbremse sieht Müller wie seine Landtagskollegen das Kostenproblem: „Da ist uns die Finanzkrise dazwischen gekommen.“ In diesen Zeiten wäre ein Museumsbau tatsächlich ein Luxusprojekt.
Die Bundesrepublik hat in Bonn ihr „Haus der Geschichte“, Baden-Württemberg und Bayern haben es, wenn auch mit unterschiedlichen Konzepten, ebenfalls. Andere Länder planen eine solche Einrichtung. Und seit Hessens Regierungschef Roland Koch ein „Haus der Geschichte“ für dieses Land ins Gespräch brachte, läuft die Diskussion auch hierzulande. In der Koalitionsvereinbarung vom Januar 2009 heißt es, man werde dieses Thema „zügig zu einer Entscheidung führen“.
Doch danach sieht es nicht aus, obwohl in der jüngsten Debatte darüber im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst alle geladenen Experten darin einig waren, wie sinnvoll ein solches Museum für Hessen sei. Professor Hermann Schäfer, ehemaliger Direktor und Präsident der Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ in Bonn, ermahnte die Parlamentarier, dieses Thema zu realisieren und es nicht in kleinkarierten Fragen mit allzu vielen Bedenken zu versehen: „Der Ball liegt nun beim Parlament. Das Parlament muss jetzt den Ball treten.“
Die Abgeordneten würden ja sehr gerne treten, und zwar sofort, sie können aber nicht. Zwar sind die Überlegungen noch lange nicht abgeschlossen, doch der CDU-Politiker Müller gibt die Richtung vor, in der es laufen könnte: „Angesichts der finanziellen Situation des Landes brauchen wir ein Konzept, das den Haushalt nicht überfordert.“ Das heißt: Das „Haus der Geschichte“ wird es, wenn überhaupt, voraussichtlich erst einmal nur virtuell geben. Eine Machbarkeitsstudie dafür wurde von der Frankfurter Firma „zeitsprung“ im Auftrag der Staatskanzlei bereits erstellt. Jutta Zwilling von „zeitsprung“ spricht von einem gestalterisch und technisch völlig neuartigen Konzept“ und wirbt dafür: „Ein virtuelles Haus der Geschichte bietet eine schnell zu realisierende und permanent erweiterbare Lösung.“ Das virtuelle Haus könnte als Vorbote die Entstehung des steinernen Hauses öffentlich bewerben und transparent machen, sagt sie.
Ein virtueller Vorläufer
Denn auch darin sind sich die Experten einig: Allein beim virtuellen „Haus der Geschichte“ wird es nicht bleiben können. Irgendwann muss das reale Haus dazukommen. Dazu Conze: „Ein Denken in Alternativen – real versus virtuell – widerspricht museumspädagogischen und -didaktischen Erkenntnissen.“ Die virtuellen Komponenten müssten in ein Gesamtkonzept integriert werden. Ohne das steinerne Haus bliebe das hessische „Haus der Geschichte“ Stückwerk. Müller tröstet sich mit den Worten: „Immerhin wäre ein virtuelles Haus der Geschichte ein erster Schritt.“
Standort für das reale Museum soll die Landeshauptstadt werden. Über eine Verbindung mit dem Wiesbadener Stadtmuseum wurde bereits nachgedacht, ohne dass dies weiter vertieft wurde. Der Zeitrahmen der Geschichte, die sich im „Haus der Geschichte“ widerspiegeln soll, scheint festzustehen: Schwerpunkt wird die Geschichte Hessens seit 1945 sein. Conze: „Wir müssen nicht unbedingt zurück zur Grube Messel und zu den Kelten am Glauberg.“ Allerdings müsse in Ansätzen deutlich werden, was sich vor 1945 auf dem Boden des heutigen Hessen abgespielt habe. Damit sind die Inhalte abgesteckt, während die Finanzierung wohl noch auf längere Zeit in den Sternen steht.

