Ein Helfer mit großer Distanz zum Militär
30.04.2010 - WIESBADEN
Von Matthias Friedrich
AFGHANISTAN Ehemaliger Oberstarzt Erös gründete Schulen und Krankenhäuser / Friedliche Entwicklung am Hindukusch im Blick
Reinhard Erös trägt eine gelbe Schleife am Revers. Es ist das Zeichen seiner Solidarität mit den Bundeswehr-Kameraden in Afghanistan. "Ich stehe hinter den Soldaten", sagt der pensionierte Oberstarzt. "Aber ich stehe nicht hinter dem politischen Auftrag." Für ihn ist weder der Friede noch der Aufbau Afghanistans mit militärischen Mitteln zu erreichen. Mit Erös ist am Mittwochabend ein sehr ungewöhnlicher Kritiker des deutschen Afghanistan-Einsatzes zu Gast in der Wiesbadener Casino-Gesellschaft. Der Mediziner hat mehr als 30 Jahre lang als Soldat gedient. Mit zwei Dutzend Auslandseinsätzen ist er einer der erfahrensten deutschen Krisenhelfer überhaupt. Von Ost-Timor über Kambodscha und Ruanda bis nach Bosnien und ins Kosovo reichen seine Erfahrungen.
Intimer Kenner des Landes
Vor allem aber kennt sich Erös in Afghanistan aus. Schon während der sowjetischen Besatzung 1986 ließ sich der junge Stabsarzt für vier Jahre beurlauben, um in der östlichen Bergregion Tausende von Dörflern in versteckten Höhlen ärztlich zu versorgen. Seine Frau Annette und die fünf Kinder wohnten im pakistanischen Peschawar. Nachbar der Familie war damals ein gewisser Osama bin Laden.
Heute verbringt der Bayer die Hälfte des Jahres im Land der Paschtunen, dem umkämpftesten Teil Afghanistans, wo er nach seiner Pensionierung 2002 die Kinderhilfe Afghanistan aufgebaut hat. In Waisenhäusern, Schulen, Werkstätten und Krankenhäusern beschäftigt die nur aus privaten Spenden finanzierte Stiftung inzwischen über 2 000 ausschließlich einheimische Mitarbeiter. Zehntausende Schüler sind in den Schulen ausgebildet worden. Auch Mädchenschulen, so betont Erös, sind bei den religiös konservativen Paschtunen erwünscht, die die größte sunnitische Bevölkerungsgruppe im Lande bilden. Unbedingte Distanz zum Militär, auch zu den in dieser Region aktiven Amerikanern, ist wichtig, um die friedliche Entwicklung der Projekte zu sichern. Dass Erös Paschtu spricht, erleichtert den engen Kontakt zu Stammesältesten und dörflichen Autoritäten.
Mangelnde Sprachkenntnisse bei der Bundeswehr-Truppe und damit die völlige Abhängigkeit von Dolmetschern sind für den Ex-Militär Beleg dafür, wie oberflächlich Politik und Generalität die Soldaten auf den Einsatz vorbereiten: "Ein professionelles Defizit". Auch über die äußerst verschiedenartige Kultur des Vielvölkerlandes lernten selbst die Offiziere kaum etwas: "Drei Stunden Land und Leute in Koblenz (bei der Bundeswehrakademie), das war´s."
Dass immer mehr Afghanen die Ausländer bekämpfen, wundert den Krisenhelfer nicht. "2002 hätten wir rausgehen sollen, da waren die Taliban besiegt," sagt Erös. Inzwischen sind in diesem "asymmetrischen Krieg" rund 1700 westliche Soldaten gefallen, aber bis zu 100 000 afghanische Zivilisten. "Die humanitäre Lage hat sich gegenüber der Talibanzeit verschlechtert", lautet die bittere Bilanz des in seiner Regensburger Heimat aktiven CSU-Kommunalpolitikers Erös. Die will er demnächst "seinem" Minister Guttenberg persönlich überbringen. 800 Milliarden Dollar sind seit 2001 in die militärische "Sicherung" Afghanistans geflossen, nur 45 Milliarden in den Aufbau. Bei einem Truppenabzug müsse mehr Geld für zivile Hilfe fließen, mahnt der Experte. "Aber gezielt, und nicht an die kleine Elite in Kabul, denn die bringen es gleich auf ihr Konto in Dubai."

